Titanic II


Wieder mal den Blick nach draußen gewagt, also in die “Welt” der Oberfläche. Und da spielt sich gerade Bizarres ab.

Abschnittsweise erinnert mich der ganze Irrsinn der da aktuell tobt an die Titanic, also an jenes stolze und für unsinkbar gehaltene Luxusschiff, dass letztlich durch das übliche menschlichen Versagen versenkt worden ist. Mit diesem Schiff gingen damals auch über 1400 Menschenleben dahin, was durchaus vermeidbar gewesen wäre – das ist das Traurige daran.

Und heute? Nun, wieder ist die Situation ähnlich, nur das dieses mal der Koloss nicht aus Stahl sondern aus Gesellschaft gemacht ist, vernietet mit Fortschrittsglauben, gefüllt mit Überheblichkeit, angetrieben von ignoranter Gier und mit Kultur lackiert. So schippern wir, natürlich uns für unbezwingbar und unsinkbar haltend durch den Ozean der Zeit und verdrängen dabei penetrant was all den anderen Kulturen vor uns widerfahren ist: richtig, sie sind untergegangen – die einen lärmend, die anderen still und leise. Die Geschichtsbücher sind voll davon.

Was wir gerade anstellen (natürlich mit Ausnahmen weil nicht jeder mitmacht dabei) ist dramatisch und der Status Quo keiner der Applaus verdient. Also zum Stand der Dinge: Der Eisberg ist gerammt, das Schiff sinkt und wer konnte hat sich bereits von Bord gemacht – selbst die Ratten sind schon zum Großteil fort und verfolgen das Drama aus sicherer Distanz.

Derweil der vorprogrammierte Untergang unaufhaltsam näher rückt sind Teile der Crew damit beschäftigt sich um die Kapitänswürde zu prügeln, denn jeder will ja noch mal schnell den Dampfer führen, will regieren, will an die Hebel der Macht. Die Passagiere machen willig mit und winken fanatisch mit den Fähnchen jener Parteien die sie des Postens für würdig halten. Auch Orden werden noch rasch verliehen und die Führungsriege wechselt ständig. Aber was nach echter personeller Entwicklung aussieht ist doch nur politische Resteverwertung, mehr nicht. Und derweil sinkt das Schiff.

Wieder andere sind damit beschäftigt sich noch rasch die Taschen vollzustopfen indem sie jene nach Strich und Faden betrügen die ob des drohenden Ertrinkungstodes ohnehin schon in entsprechender Panik sind. Das geht indem man ihnen Rettung verspricht – eine Rettung die nicht kommt und die es gar nicht gibt und auch nicht braucht, denn anders als 1912 ist der Ozean ein warmer, nur hat man vergessen dass man schwimmen kann – ja, man könnte es, aber natürlich nicht mit vollen Taschen. Das ahnt man zwar irgendwo aber man verdrängt es. Und derweil sinkt das Schiff.

Auch falsche Propheten und skrupellose Rattenfänger treten auf den Plan und verkünden die baldige Ankunft von Balumanturapolino, dem Marslupililami oder dem großen Gott Gender, der all jene auf ein nicht näher beschriebenes Eiland erretten wird die sich noch fristgerecht zu seiner Kirche bekennen – gegen Entgelt versteht sich. Auch Brettspiele sind sehr beliebt und so mancher der eine Partie Schach, Halma, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder noch besser Monopoly gewonnen hat, der glaubt ernsthaft aus dem Gröbsten raus zu sein und feiert sich lautstark bis hysterisch. Und derweil sinkt das Schiff.

Alles und noch mehr gibt es auf diesem untergehenden Narrenschiff und wenn es dann einst gesunken sein wird und wenn es still und ruhig in der Tiefe sein Grab gefunden hat, dann wird die Geschichte zu erklären wissen wie und warum es dazu kam und dass es genau genommen ein wichtiger und längst notwendiger Schritt in Richtung “Besinnung auf das Wesentliche” gewesen ist, aber dass man das auch einfacher und mit weniger Leid und weit geringerem Kollateralschaden hätte haben können. Man wird diesen “Untergang” dann auch als “Übergang” erkennen – wem dies jetzt schon gelingt der darf sich glücklich schätzen.

Man wird später auch Schuldige suchen und finden und sie an den Pranger stellen und es wird manche geben die natürlich den Eisberg, welcher doch zur Läuterung zweckdienlich gewesen war, zur Verantwortung ziehen wollen – auch das wird es geben und noch ganz andere Idiotien. Und Spielfilme und elendslange Dokumentationen wird es auch geben und eine Serie mit siebenundachtzig Staffeln sowieso. Aber natürlich erst wenn das Schiff gesunken ist.

Noch aber herrscht blankes Chaos an Bord. Noch schlägt man aufeinander ein, plündert sich gegenseitig aus, vergewaltigt und brandschatzt. Brudermord und Zerstörung allerorts, dazwischen dekadente Entgeisterung und sich ausweitende Verzweiflung allerorts – ausgenommen sind natürlich jene die das Branntweinlager für sich entdeckt haben.

Ach ja, da ist noch etwas: Eine unangenehme Wahrheit geht um und dringt mehr und mehr in den Fokus des Bewusstseins: Der Eisberg ist gerammt, das Schiff sinkt und wer konnte hat sich bereits von Bord gemacht – das bittere daran: all das ist irreversibel. (auch was man sich und anderen angetan hat)

Ganz ehrlich: Was bin ich froh schwimmen zu können! Was bin ich froh nie wirklich an Bord gegangen und nie “Passagier” gewesen zu sein! Und wie gut dass es so viele gibt die mir in Herz, Weg und Ziel verwandt sind! Wie gut dass alles gut wird , denn alles was geschieht hat seinen Sinn – auch wenn es vielleicht schwer fällt es zu sehen. Aber man hofft ja meist was man fühlt und was man fühlt ist wahr. (nicht was man fürchtet)

Es braucht sie die Veränderung! Das Schiff MUSS sinken – weil wir alle uns irgendwann wieder daran erinnern müssen und dürfen dass wir schwimmen können und dass der Ozean samt seiner Tiefe keine Bedrohung sondern unsere eigentliche Heimat ist! Es braucht all das und selbst wenn es einfacher ginge, so hat es seinen Sinn und seinen Zweck.

Lasst Euch nicht zu sehr beeindrucken vom sinkenden Schiff. Alles wird gut. Es ist eine Zeit des Überganges.

bis bald, am Feuer der Freundschaft

herzlichst

Georg