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Totentanz


"Nie flieht der Mensch den Menschen mehr, als auf der Suche nach sich selbst - und ebendies ist sein Verhängnis" (G.O.Gschwandler, Die Übereinkunft/Erzählung)


Irgendwie habe ich nun doch und wider aller Erwartung die Orientierung verloren. Sei es, weil ich hier auf La Mesada ein etwas insulanes Leben führe, oder aber weil ich mich nicht für alles interessieren kann. Einmal nicht aufgepasst und schwupps, weiss man nicht mehr, ob es schon nach, mitten drin oder aber am Beginn der Krise ist. Den Blick in die Medien hab ich mir verwehrt, ganz bewusst, weil da unisono von einem Totentanz die Rede ist. Wobei ich ihn nicht erkennen kann, aber wie gesagt: vielleicht fehlt es mir einfach an entsprechender Information, um meinen Angstlevel ordentlich und wie angeordnet aufrecht zu halten. Ich bin ja auch kein Virologe und Politiker bin ich auch keiner (Gottseidank)


Ich bin auch schon ganz durcheinander mit den "Wellen"! Erste, zweite oder gar dritte Welle? Die erste hab ich verpasst, die zweite soll ja angeblich in Bälde anrollen und ich bin mir immer noch nicht klar, wie, womit, oder ob ich überhaupt auf ihr surfen soll bzw. will. (eher nicht) Ich gebe es unumwunden zu: Ich habe mich zu wenig informiert in den letzten Wochen. Ja, ich bin ein Abtrünniger, ein Informationsverweigerer, ein "Offliner" diesbezüglich und eben nicht immer auf dem neuesten Stand.


Aber man erinnert mich von Fall zu Fall. So wie unlängst in einer Apotheke: Die zweitgrösste Stadt Österreichs. Ein Dienstag Nachmittag. Ich stürme, weil eilig, in das menschenleere (!) Pharmakologieparadies und komme nicht weit. Hinter zwei Millimeter Plexiglas, Gesichtsbeschildet und maskiert bis an die unteren Augenlider, fährt mich eine kleine, aber breite Person, nennen wir es mal "überaus zackig" an: "Sie tragen ja keine Maske!!" Ich stutze und denke mir "kluges Kind". Bevor ich irgend etwas erwidern kann, werde ich im Ton eines Millitärausbilders, harsch keifend und überraschend laut im Ton, weiter belehrt: "Hier ist MASKENPFLICHT!!" Irgendwie sehe ich kurz den deutschen Reichskanzler vor mir und bin dankbar für die vier Meter Raum und all das fesche Plexiglas zwischen uns. Ich habs begriffen, denke ich bei mir. "Hier ist die totale Maskenpflicht und seit sechs Uhr fünfundvierzig wird zurückgeschützt!!!"


Dabei war doch alles so gut bisher! Der Tag war wettertechnisch vielversprechend und durch allerlei Verordungen gesichert. Und nun ich Wahsinniger, der all das zunichte macht! Ich atme anscheinend völlig enthirnt, meine aggressiven Viren über vier Meter Distanz, gegen alle Nichtanwesenden, sowie durch Plexiglas, Gesichtsschild und Mundschutz (immerhin die teure Profi-Variante) direkt in die Lunge meines Gegenübers! Die Zeit steht still. Irgendwo piept ängstlich ein unsichtbares Gerät. Meine Nackenhaare stehen aufrecht. Frost. Schlachtfeldstimmung. Ich nuschle irgend etwas von wegen "sorry, aber ich vertrage das Teil nicht" und dann lege ich doch ein etwas selbstbewussteres "ich brauche das echt nicht" nach.


Die Wahrheit ist, ich hab nicht dran gedacht, an die Angst der anderen. Die Wahrheit ist, dass ich irgendwo in meiner Gesässtasche, eine zusammengeknüllte und einmal, weil erzwungen getragene Maske habe - einsam, vergessen und sich vermutlich schon selbst zersetzend. Das fällt mir später ein, zuhause. Zu meiner Verteidigung: Ich lebe auf dem Land, beinahe im Wald um genau zu sein. Ich habs nicht so mit der Stadt, da fehlt mir schlicht die Übung.


Zurück in der Apotheke meiner Wahl: Die Dame, nicht halb so alt wie ich, knickt aufgrund meiner selbstbewussten Ansage merklich ein. Schreckensweit geöffnete Augen. Was nun? Die Feuerwehr oder gar eine Spezialeinheit rufen? Mich höflich darum bitten dass ich mir Mund und Nase verhüllen möge? Immerhin wäre auch das eine Variante. Nein, nichts. Es ist wie nie geschehen. Hochroten Teil-Gesichtes gibt sie mir, was ich verlange. Ich bezahle und stelle fest, dass sie immerhin keine Handschuhe trägt. Also kann es nicht ganz so arg sein mit der Gefährdung. Zudem prangt am Plexiglas, links von mir ein Schild, das darauf hinweist, dass im Gespräch mit dem "Fachpersonal" die Maske abgenommen werden darf. Das ist offiziell. Österreich eben. Ich verabschiede mich höflich, warum auch nicht? Sie nuschelt ein "aufwiedersehen" in meine Richtung, durch Maske, Geischtsschild und Plexiglas. Darth Vader klingt jetzt beinahe versöhnlich.


Ich bringe die vier oder fünf Meter bis zur Türe anstandslos hinter mich und trete ins Freie. Hier scheint die Sonne auf unmaskierte Fussgänger jeden Alters und Geschlechtes. Doch eine Maske kommt mir entgegen, nein, Fehlalarm, es war ein nur akkurater Vollbart. Weit und breit kein Totentanz, keine brennenden Scheiterhaufen, kein Ende der Welt. Das ist es was ich sehe. Das genügt mir. Ich verzichte dankend auf Belehrungen und auf kollektive Angst und Panik auch. Ich tanze nicht, zumindest nicht auf Zuruf und schon gar nicht nach der gängigen Musik.


Aber ich verstehe die Angst. Auch die Angst der jungen Dame in der Apotheke. Sei es die Angst vor dem Virus oder die Angst vor ihrem Chef, der wiederum irgend einer Angst gehorcht, oder sich eben einer Verordnung beugen muss. Bedrohung und Angst. Wirkliche Gefahr und entsprechende Massnahme. Das eine ist das eine und das andere, ist eben das andere. Man kann es sehen wie man will, das steht jedem frei. Ich habe nur etwas gegen Unverhälnismässigkeit.


Ich habe durchaus Verständnis für vieles, speziell für persönliche Befindlichkeiten. Aber noch macht der Ton die Musik wie ich finde! Auch und besonders in Krisenzeiten. Da bin ich altmodisch. Es ist der Ton und die Musik, die zum gemeinsamen Walzer lädt, oder eben zum Totentanz. Wir sind alle und das ohne Ausnahme Teil dieses Orchesters, auch wenn wir zwischendurch nur das Tanzbein zu schwingen haben.


Es sind seltsame Zeiten. Ich weiss sie werden besser. Ich hoffe bald. Und ich hoffe inständig, dass wir wieder zueinander finden werden, denn die Trennung ist schlecht für ein Wesen wie den Mensch - man braucht einander, immer!


bleibt in Eurer Mitte, kommt zusammen, erfahrt gemeinsam. Das gibt Kraft und Ruhe und Gelassenheit!


herzlichst


Georg