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Sehtest


"Die Sehenden sind es nicht, die sich für sehend halten, immer nur die Blinden" (Marie von Ebner-Eschenbach)


Unglaublich wie der sich halten kann auf dem kleinen, rot-weiss-roten Surfbrett und bei DER Welle! Wie der daherrauscht und wie schnell! Man fasst es nicht! Ich bin ganz baff von der Eleganz, die der feiste Baby-Elefant da beim Surfen an den Tag legt! "Traröööööt!!!" Immer näher kommt er, saust auf den Strand zu, der mit hellblauen Gesichtsmasken übersäht ist. Rechts von mir steht eine kleine Gruppe Menschen und feuert ihn frenetisch an! "Du schaffst das!!" rufen sie und dann gehen sie in einen Sprechchor über: "Wir wolln dich surfen sehn, wir wolln dich surfen sehn, wir wolln dich, wolln dich, surfen sehen!!" Sie machen ihm die Welle!


Ich kenne ein paar der Gesichter von irgendwo her, ja jetzt fällts mir ein! Der ganz junge, rechts aussen, das ist der Pinoccio, neben ihm wankt etwas angeheitert der Strassenkater, und ein wenig abseits hüpft der Fuchs auf einem Bein rum und plärrt Befehle, die er wohl selber nicht versteht. Auch der Pezi-Bär ist mit von der Partie und wirft, etwas gehemmt aber doch, mit Konfetti um sich die man aus gefälschten Statistiken gemacht hat. Hinter dem seltsamen Quartett steht eine gewaltige, blendend weisse, EU-beflaggte Hüpfburg samt Huldigungsbalkon. Auf ihm sitzt der alte Gepetto. Der raucht eine Zigarrette nach der anderen. Von Zeit zu Zeit steht er auf, verbeugt sich hölzern und ruft hustend: "ÖÖÖssterreich issst frei....!"


Die Welle samt dem Baby-Elefanten und seinem Surfbrett rauscht näher. Ich stehe mitten in einer Masse von Menschen, die jetzt alle in konzertierte Panik geraten. Einige rennen vor der Welle davon, andere auf sie zu, wieder andere ziehen sich nackt aus, graben sich mit den Köpfen in den Sand und recken ihre blanken Hintern zum Himmel. Das sieht irgendwie aus wie ein Kürbisfeld - nur eben ohne Blätter, dafür aber mit Masken.Die Welle erreicht jetzt eine Sandburg die wie der deutsche Reichstag aussieht. Alles kreischt und johlt. Ein paar ganz Wichtige schnappen sich ihre rosaroten Taucherbrillen, brüllen "Revolution!" und irgendwas von "neue Weltordnung" und stürzen sich, wie auf Kommando, in die schlammig-braunen Fluten. Polizisten mit blauen Plastikschäufelchen versuchen indes zu retten was zu retten ist und sichern einer ältere Dame, in einem steifem, lachsfarbenem Kostüm, die sichere Flucht nach Mittelerde.


Ich bin mitten drin in dem ganzen Getöse. Neben mir steht plötzlich ein sichtlich gealterter Jesus. "wie gehts so?" frage ich. Jesus zuckt resigniert mit den Schultern und meint "Alles nix neues. Kann nix, wird nix, bringt nix". Dann geht er, die Sandalen salopp über die Schulter gehängt, zum Taxistand oben an der Strasse, in der Linken eine Flasche Chianti. Ein gelbes Taxi nimmt ihn auf. Er winkt noch kurz mit einem Leckeis aus dem Fenster und weg ist er. "Wo hat der verdammt noch mal das Eis her?" denke ich bei mir. Eine tiefe Stimme von ganz oben raunt "Er ist mein Sohn. Er hat Beziehungen. Du nicht." Das ist Pech. Wie üblich.


Über grosse Lautsprecher spielt es Bob Marley´s, "Buffalo Soldier". Da rast der Baby-Elefant an mir vorbei! Sein Surfbrett ist ungeheuer schnell, es ist sogar schneller als die Welle selbst!! Das Brett glüht förmlich und der Lack ist schon beinahe ganz ab. Er reitet auf nichts als warmer Luft! "Willst du nicht mit?" trötet er mir grinsend zu, rollt ganz treuherzig die Augen und flattert dabei aufmunternd mit seinen grossen Ohren. "wohin?" frage ich. "Ja, weiter halt, immer weiter!" meint der Baby-Elefant. Ich winke ab. Gepetto, Pinoccio, der Fuchs und der Strassenkater und ein ziemlich verwirrter Pezi-Bär kommen keuchend im Laufschritt hinterher und wirbeln jede Menge Staub auf. Sie bemerken mich gar nicht, für sie bin ich Luft. Alle Fünf treten mir auf die Füsse, aber das tut nicht wirklich weh, also ihnen nicht. "Egal was es kostet!" ruft der Pinoccio im Vorrüberlaufen und seine Nase wird ganz lang dabei. "Wir lassen niemanden zurück!!" antworten die anderen unisono. Dann sind sie fort. Der Lärm erstirbt. Keiner ist mehr da. Die Welle bleibt aus. Der Staub legt sich. Der Strand ist übersäht mit Masken, Kürbissen und vergessenen Gehirnen. Dann wache ich auf.


Ja, ich weiss schon, ich hätte es nicht tun sollen! Ich gestehe gestern Abend, nach langer "Nachrichten"-Abstinenz, in der Zeitung gelesen zu haben. Sogar in einem "Qualitätsmedium" - wobei sich das "-medium" wirklich aufs Glaskugellschauen beziehen muss. Aber ich habe drin geblättert, also online, vor dem zu Bett gehen und dachte mit einem Mal, ich bräuchte dringendst einen Sehtest. Ich habe gedacht ich sehe verkehrt oder falsch und habe dann gegen gelesen, also die Literatur bemüht, nur um festzustellen, dass da wirklich steht was da eben steht! Leider liegt es nicht an meiner Sehkraft. So sind die Zeiten eben und die Menschen auch. Da werden tote Pferde geritten, weil man ja so gut im Sattel sitzt, oder weiter gut und sicher in ihm sitzen will. Da geht man über Leichen, die es auch mal gar nicht gibt. Egal.


Die Zeit ist eben eine besoffene. Vermutlich ist die ganze Arroganz und Ignoranz der letzten Jahre und Jahrzente vergoren und verursacht nun diesen Rausch samt Kater (nein nicht der aus "Pinoccio") den wir alle noch erleben werden. Aktuell weiss man es ja nicht zu sagen: Ist man noch im Rausch oder schon beim Kater?


Ich will mich kurz halten, es ist ja Sonntag und draussen scheint die Sonne so schön und warm, und ganz ehrlich: ich will auch niemandem die gute Laune verderben. Ich will nur sagen, wundert Euch nicht wenn ihr hinschaut und all das seht! Es ist kein Sehfehler den Ihr da habt! Es liegt nicht an Eurer Sehkraft! Es IST wirklich so!


Das mag erschrecken oder Angst machen. Aber man kann den klaren Blick auch nutzen: Wenn Ihr jetzt genau hinseht, ganz ohne Furcht und ohne Vorurteil, ohne Schönfärberei oder Projektion, dann seht ihr so unendlich Vieles wie zum ersten Mal! Wer jetzt genau hinsieht, der sieht ALLES! Alles Schlechte das nun zum Vorschein kommt, alle Maske hinter der Maske, allen Eigendünkel, alle Ignoranz, alle Machtgeilheit, jede Gier und all die miesen Machenschaften. Man kann die Brüchigkeit von Systemen sehen, ebenso wie den Mensch in seinem Rollenspiel. Jetzt kann man die Dinge als das erkennen was sie sind. Ihre Eigenart wird offenbar - ihre wahre Natur!


Wer jetzt genau hinsieht, der sieht sich auch in manchem selbst! Seine unterdrückten Ängste, seine verdrängten Schwächen, seine innersten Abneigungen und alle Vorurteile. Wer jetzt ganz genau hinsieht, ohne Scheu und mit offenem Herzen, der sieht aber auch alle Chancen, alles Mensch-Sein, alles Gemeinsame, alle Liebe und alle Hoffnung die in uns ist!


Wer jetzt genau hinsieht, der gewinnt so Vieles - wenn er es nur wagt und sich nicht zu sehr von den gelebten Alpträumen Anderer beeindrucken lässt. Wer jetzt genau hinsieht, der wird gewinnen! Er wird an Richtung und Haltung, an Weg und Ziel, aber auch an Sinn gewinnen!


also seht hin und lasst uns teilen was wir wahrgenommen haben


bis bald

herzlichst


Georg


p.s. und träumt nicht all zu schlecht von dieser Welt - denn das hat sie nicht verdient.

zur Erklärung: Der "Baby-Elefant" ist ein rein inner-österreichisches Phänomen und dient lt. österr. Bundesregierung, der Bestimmung des optimalen Abstandes beim "social-distancing". Er ist also sozusagen eine österreichische Masseinheit und wird als solche mit Sicherheit Einzug in die Geschichtsbücher finden.