Kassandras Traum


„Ich fürchtete das Schlimmste, nicht, weil ich den Plan der Griechen Zug um Zug durchschaute, sondern weil ich den haltlosen Übermut der Troer sah. Ich schrie, bat, beschwor und redete in Zungen.“ (Christa Wolf, Kassandra, 1983)


Dem der hinzuschauen wagt, ist es ja klar. “Zu wissen” das bedarf keiner Kunst oder einer Gabe (so wie bei Kassandra die Gabe in die Zukunft zu sehen) sondern es braucht den Willen und den Mut! Und wenn man ihn findet diesen Mut, wenn man ihn zusammensucht zwischen all dem Firlefanz billiger Ablenkungen, dann sieht man und dann weiss man was kommt und dann möchte man schreien! Aber es ergeht einem eben wie Kassandra im sagenhaften Griechenland: Man ist verflucht – denn niemand schenkt einem Glauben! Dann träumt man eben und in diesem Traum ist man erlöst, weil man nichts gesehen hat, weil man nichts gehört hat und man also nichts weiss und so auch nichts sagen kann, will oder muss! Zumindest versucht man es – und scheitert.


Träume sind eben nur Träume. Man HAT ja bereits gesehen und gehört! Man WEISS ja bereits! Und wenn man mit so etwas wie Haltung und Rückgrat ausgestattet ist, dann ist einem das Leugnen unmöglich! Dieses Wissen ist wie eine Krankheit die man nicht mehr los wird! Sie sitzt einem in Hirn und Bein! Sie ist einem bis ins Herz gedrungen und wenn man den Mund aufmacht, dann spricht es eben wahr aus einem – und das kann unbeliebt, gefürchtet ja sogar gehasst machen.


Unbeliebt macht man sich jedoch nicht bei denen, die ohnehin von gar nichts wissen, sondern sinniger Weise nur bei jenen, die bereits vage etwas ahnen! Sie spüren die Ahnung aufsteigen, sauer und drängend und unbequem! Unbequem deswegen, weil da ein Wissen hoch drängt, das es ihnen verunmöglichen würde weiter zu machen wie bisher! Das was da empor drückt gefährdet den status quo! Darum die Wut, wenn man Solche anspricht! Darum die Aggressivität in der Ablehnung! Darum der feurige Widerstand gegen alles, das auch nur im Ansatz wahr ist, weil man der Ahnung in die Erkenntnis verhilft und das bedroht jene samtweiche Komfortzone, in die man sich über lange Zeit gewöhnt bzw. geflüchtet hat!


Was hat das mit Spiritualität zu tun? – möchte man fagen. Natürlich alles! Denn Spiritualität ist Wahrheit, ist Wahrnehmung und Wissen! Und spirituelle Wahrheit, spirtuelle Wahrnehmung und spirituelles Wissen nimmt den selben Weg um auzusteigen wie jedes Wissen und jedwede Ahnung die uns bewusst wird! Und so wie jede andere Wahrheit auch, kratzt auch die spirituelle Wahrheit an der Komfortzone und treibt uns in die wirkliche, in die wahrhaftige Welt! Das Prinzip der Wahrheit unterscheidet keine Ebenen!


So steigt beizeiten ja auch eine Ahnung in uns auf oder gar eine Vision. Wobei weder Ahnung noch Vision zwangsläufug angenehm oder bequem sein muss! Ist die Vision eine wahrhaftige, so kann sie sogar etwas zwingendes in sich tragen – sie kann durchaus ins Prophetische gehen! Da dann den Mund zu halten, sich dazu zu zwingen nichts von dem zu sagen was gesagt werden muss, das wird einem kaum möglich sein, oder eben nur mit dem Aufwand massiver Verdrängung!


Unser Blick auf die Welt sollte also ein tiefer, ein umfassender, ein ganzheitlicher und spiritueller sein. Das meint aber auch, dass wir nichts von dem was aktuell geschieht so einfach ausklammern können! Denn so ein selektiver Blick auf Wirklichkeit wäre ein verdrängender und mit ihm, verdrängten wir auch den Zugang zum wahren Selbst und seinen Botschaften die es an uns sendet! Unterdrückte Wahrnehmung macht blind und taub – und auch das – auf allen Ebenen!


Ja, es sind nicht ganz so einfache Zeiten in denen wir leben! Und es ist ungewiss wohin die Reise geht! Sich jetzt aber von der Welt abzuwenden, sich abzuschotten, den Kopf in den Sand zu stecken und sich in irgendwelche hübschen Vorstellungen zu flüchten ist absolut keine Lösung! Wir werden einen Weg finden müssen damit umzugehen und dieser Weg muss, so er irgendwo hin führen soll, ein ganzheitlich-spiritueller Weg sein! Jetzt, in dieser alles fordernden Zeit wird sich weisen, ob die Reden vom “Weg mit Herz” von “Gemeinschaft” von “neuer Zeit” usw. nur leblose Lippenbekenntnisse waren, oder ob sie auch einen praktischen Wert haben! So gesehen ist es eine gute Zeit, weil sie alles ins Licht stellt!


So wie jede Zeit des “äusseren Zwanges” stellt sie an uns die Frage nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und nach Eigenverantwortung und dies in einer sehr direkten und drastischen Art und Weise! Es ist eine wirkliche Lehrzeit – und so wie Kassandra in der griechischen Sage, werden Viele von der Wahrheit sprechen und nur Wenige werden ihnen Glauben schenken! Dennoch werden sie sprechen und von so manchen auch gehört und verstanden werden! Denn es ist auch eine Zeit der Seelenverwandtschaften! Es ist eine Zeit in der zusammenfindet was zusammen gehört! Es ist die Zeit eines beginnenden neuen Selbstverständnisses in welchem sich vieles neu definieren wird: Das Leben, der Tod, der Sinn und alles das uns in Seele und Herz zu erreichen vermag! Es ist eine Zeit der aufsteigenden Ahnungen und Visionen – also unterdrückt sie nicht, denn wir alle sind die Münder aus denen die Grosse Mutter spricht!


Auf in neue Zeiten, mit Mut in der Sprache und einem von der Liebe zu allem entflammten Herzen!


auf bald

herzlichst


Georg