Kein Jahresrückblick


“Lots Frau aber schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule.” (Genesis, 19.26)



Man sollte es manchmal wirklich beherzigen, das mit dem “nicht-zurück-blicken”! Weil sonst könnte es einem ergehen wie Lots Frau, die ja auf der Flucht aus dem zerstörten Sodom wider dem Gebot handelte, zurück blickte und zur Salzsäule erstarrte, was für alle Beteiligten ein ziemlicher Schreck und für sie selbst zudem recht unpraktisch in Bezug auf die weitere Flucht gewesen sein muss.

In diesem Sinne, und um sich das Jetzt nicht zu versalzen, kann man sich eigentlich den allgemein üblichen Jahresrückblick getrost ersparen! Es muss nicht sein! Wirklich nicht! Zum einen sind die guten Dinge ja ohnehin schon vorbei (so wie gegessene Pralinen) und zum anderen, sitzen die schlechten Dinge aktuell immer noch eiskalt in den Knochen und stören so ein wenig unsere Fortbewegung in ein besseres, weil neues Zeitalter!

Der Blick zurück ist ja auch immer ein getrübter und dadurch beinahe ein unsinniger! Denn wer da zurück blickt auf das selbst erlebte, der ist ja jetzt ein ganz Anderer als er noch zu Beginn des Jahres war! Wie also im Jetzt das Damals richtig beurteilen? Wie jetzt daraus sinnvolle Schlüsse ziehen? Und manches vom Erlebten war vielleicht ganz schauderhaft schlimm, schrecklich, schmerzvoll und elend! Da kann man schon erstarren im Rückblick, ganz so wie Frau Lot!

Also ich halte recht wenig vom alljahresendlichen Wettreiten der toten Pferde. (das wird auch mit neuen Sätteln nix) Ich für meinen Teil verzichte also auf “den Jahresrückblick 2020”. Nicht weil es ein besonders schlechtes Jahr war, oder ein besonders gutes oder ein eher mittelmässiges, sondern weil es schlicht ein vergangenes Jahr ist! Mein Blick auf dieses Jahr, wenn ich ihn denn wage, ist nur ein ganz kurzer, den ich auch nur mit beiden Beinen sicher im Jetzt verankert tue. Dieser kurze Blick ist so, als stünde ich etwas atemlos, auf einer eben erklommenen Anhöhe und blickte weit übers Land und die Wege, die ich bis hierher gegangen bin. Es ist ein “grober Jahres-Überblick” ohne die feinen Details, denn manche Wegstrecke verbirgt sich nun im Nebel der Unauffälligkeit oder läuft durch den dichten Wald des Vergessens und so ein schon gegangener Weg, kann ohnhin nicht noch einmal oder “diesmal besser” gegangen werden!

Der “grobe Überblick” ist mir mehr eine kurze und sachliche Bestätigung der gemachten Bewegung und er sagt mir, dass ich bis hierher gelangt bin. Nicht mehr aber auch nicht weniger – und das ist gut. Dieser grobe Überblick lässt mich kurz daran erinnern, dass es mal schwerer und mal leichter war, dass es mal schön und mal schmerzhaft war. Wann genau was war, das spielt mir aber keine Rolle mehr, denn ich bin froh hier zu sein, da wo ich eben jetzt bin. Da ist nichts was es jetzt erneut zu zelebrieren gäbe, schon gar nicht im Nachhinein. Zudem gleicht kein vergangener Weg einem zukünftigen und selbst wenn es so wäre: ich bin nicht mehr der, der ich vor kurzem oder langem noch war! Ich bin ein Anderer!

Ich gehe nach einem kurzen, milde lächelnden Innehalten also weiter. Das letzte Jahr war Zeit die ich verbracht habe – mit diesem und jenem, mal besser, mal schlechter und hie und da sogar mit einem echten Hochgefühl des Glücks. Mich hat die Liebe begleitet in diesem Jahr und manchmal auch der Schmerz und für beides bin ich dankbar. Aber meine Dankbarkeit gilt nicht “einem Jahr” weil das ja nur mehr oder weniger exakt abgemessene Zeit ist.

Dankbar bin ich konkret meinen Ahnen, dem Grossen Geist, der grossen Mutter Erde, meiner Frau, meiner Familie und allen die dazu gehören! Dankbar bin ich allen Freunden, die näheren und die entfernteren und allen denen ich auf meiner Reise begegnen durfte! Dankbar bin ich dem Leben an sich. Dem Sein. Dankbar bin ich dem zeitlosen Jetzt – wissend dass es diesen Dank nicht braucht, aber dies ist eben das Gefühl das ich in mir trage.

Und die Erkenntnis aus 2020? Nun, die ist zumindest für mich eine sehr wichtige: Die Liebe kennt keine Zeit, die Freundschaft keine Distanz – und keine Uhr und kein Kalender zählt die Schläge verwandter Herzen! Es kommt zusammen was zusammen gehört!

Danke für Euer treues Sein und dafür dass Ihr immer wieder den Weg zu uns findet!

auf bald, herzlichst

Georg