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Gerechter Zorn


"Ira furor brevis est! " - Der Zorn ist nur eine kurze Raserei! (Horaz)


Manchmal kann er einen überkommen der Zorn, auch mich oder besser: mich besonders, weil ich mit Ungerechtigkeiten noch nie gut gekonnt habe einerseits - und andererseits, weil ich es nicht ertrage ausgeliefert zu sein. Wenn er mich dann überkommt, was Gott sei Dank nicht oft ist, dann tut er das wie eine heisse Welle die vom Herz ins Hirn steigt, wieder nach unten schwappt um in der Sprache ihren Ausdruck zu finden. Der Zorn ist schon etwas feurig, flammend starkes und die Umgebung in Angst und Schrecken Versetzendes! Er ist wie ein Drache, der losgelassen brüllend gegen alles zieht was ihm falsch erscheint! Dieser Zorn, der einen wie flüssiges Metall in die Venen fährt und alle Nachsicht aus dem Herzen drängt, ist gewaltig, manchmal sogar heilig und ganz ohne eigene Furcht. Er richtet sich gegen das Angelogen-Sein! Er dörrt mit heissem Atem die Felder des immer neuen Betruges zu weisser Asche damit dort nichts mehr gedeihe! Dieser Zorn ist ein wildes Toben, ein heftiger Ausbruch gegen die Gefangennahme durch all das Falsche in der Welt! Er ist ein wahrer Aufstand, eine schnaubende Bewegung im Innen wie im Aussen und ein mächtiger Tritt gegen die Tore des status quo ! Dieser Zorn lässt einen die Faust auf den Tisch schlagen, um ein für alle mal klar zu machen dass es bis genau hier her geht, aber keinen Schritt weiter! Über alle Grenzen schreien möchte und man könnte es auch, damit es alle hören und wissen "es ist Schluss!".

Diese Raserei nimmt einen mit, wie eine Angriffswelle gegen all den billigen Schund, gegen all die plumpen Versuche von Betrug und Übervorteilung, gegen die Vergewaltigung der Zeit, der Natur und des Lebens an sich! Es geht gegen Ignoranz und Präpotenz, gegen Herrschaft und Sklaventum, gegen die Verwirrung und gegen den Ungeist einer Zeit, in welcher der Mensch nur aus Magen und Darm zu bestehen scheint ! Man reitet gegen die Katzbuckelei vor Obrigkeiten, gegen das Diktat der Dummheit und gegen den Wahn der Macht! Es geht gegen die Bollwerke der Bürokratie, gegen den Zwang und gegen das sich-aufgeben! Man stürmt vor, auf feurigem Rappen, in glänzend polierter Rüstung, mit geschlossenem Visir, das flammende Schwert in den Händen, bereit alles zu erschlagen das konkreten Widerstand bietet - und kommt dann doch nur bis kurz vor die eigene Türe und die Grenze die man sich irgendwann einmal gesetzt hat, oder die einem gesetzt worden ist. Da ist das Feuer auch schon wieder erloschen. Da hat sich die Kraft schon wieder im theatralischen Auftritt verbraucht. Ein paar armselige Schritte weit ist man gekommen, dann war das Feuer von Innen nur noch ein zaghaftes Flämmchen und man ist schwankend und atemlos zum Stillstand gekommen. "Windmühlen, nichts als Windmühlen" denkt man bei sich, legt Rüstung und Schwert ab und trabt etwas ernüchtert zurück in die gewohnt wohlige Wärme alter Unliebsamkeiten.


Zorn ist eben nur eine kurze Raserei. Es ist nur ein Moment von Macht. Es ist ein kurzes aber heftiges Aufflammen, das zischend im Dauerregen der Benimmregeln erlischt. Einem zur Erde stürzenden Kometen gleich, verbrennt sich die Gewalt dieses Ausbruches auf ihrem Weg nach unten und was bleibt, ist meist nur ein kümmerliches Stück Kohle, etwas verglaste Erde, ein verbrannter Rest, ganz ohne klare Form - eine erkaltete Erinnerung an Hitze, an Notwendigkeit, Konsequenz und Neubeginn. Die Schmelze die man kurz zuvor noch war fliesst zäh zurück in die alte Form um dort wieder zu erkalten und zu erstarren. Man ist wieder wer man war.


So bleibt die Frage nach dem Sinn des Zorns, den zu empfinden man sich nicht zu schämen braucht. Nicht zu schämen deshalb, weil man in guter Gesellschaft dabei ist und nur ganz wenige Exemplare der Gattung Mensch, diesen Zorn nie gekannt zu haben scheinen. Selbst Jene, die von sich behaupten ihn nicht in sich zu wissen, haben ihn einmal sehr wohl gekannt. Man versteckt diese Bekannstschaft, leugnet sie, erinnert sie nicht gerne, sie gilt als unkultiviert, als störend und grob - obwohl sie vielleicht sogar ein ganz brauchbarer Lehrer sein kann. Vormals im Ritual, nun nur mehr im Theater darf sie sein diese Bekanntschaft, um uns daran zu erinnern dass es sie wohl gab, aber dass es besser ohne sie wäre, da sie der Vernunft Antidot sei.


Zurück zum Sinn: Das kurze Feuer mag durchaus auch reinigend sein, aber wenn es, so es mit viel Masse vorhanden ist, all zu frei wird, dann kann es schaden! Wenn es aussergewöhnlich stark ist, aber keinen Ausbruch erfährt, dann kann es sich rasch ungesehen im Untergrund ausdehnen und auch jene Gebiete erreichen, die nicht die eigenen sind! Es kann sich in fremde Wohnungen brennen! Es kann die Freunde verstören und die Liebe veröden! Vor allem wenn es sich nicht recht Luft zu machen imstande ist, dann droht besondere Gefahr! Es beginnt zu schwelen! Es glost in der Tiefe des Unbewussten weiter und kann sich ganz ungesehen durch alle Ebenen der Existenz fressen! So wird der flammende, der gerechte Zorn zu genereller Boshaftigkeit oder stetem, rassistischem Vorurteil und legt sich einem an, als zweite Haut, als Gesicht, als Gedanke und als Wort! Die "kurze Raserei" gerät zum lebenslangen Kreuzzug gegen alles und jeden und vor allem gegen sich selbst und alle Unzulänglichkeiten die man an sich trägt. Es ist somit die "Dauer" und das Fehlen von echtem Fokus das den "kurzen Zorn" zur "langen Wut" macht, mit allen Folgen und allem Leid. An sich, wäre der "gerechte Zorn" auch Werkzeug - zugegeben ein Werkzeug dessen Gebrauch man erst erlernen müsste und selbst dann ist Es ein Werkzeug mit doppelter Schneide und gefährlich in der Hand eines Narren.


Trotzdem: Manchmal befällt sie uns, diese "kurze Raserei" und entlädt sich. Ab und an wissen wir es nicht zu verhindern, aber mit etwas Glück, gerät der Zorn nur zu einer Brandrede in der auch viel Wahrheit liegen kann! Durch solche Fügung mag es sogar gelingen, sich an diese Wahrheiten zu erinnern, die dann wie Diamanten in der grauen Asche eines ausgebrannten Egos liegen! Vielleicht gelingt es uns sogar nicht ganz und gar auszubrennen dabei! Das wäre gut, damit wir trotz der Hitze in uns und all dem Brand den sie verursacht, den Blick klar halten können um nicht jene zu verbrennen die wir lieben! So hätten wir die Möglichkeit des tiefen Einblickes in Bereiche des eigenen Selbst die uns gewöhnlich verschlossen blieben, und wir könnten eine Kraft in uns entdecken, die zu kultivieren, also sie kanalisieren zu lernen, sich durchaus lohnen würde.


Wir sind nicht frei vom Zorn, so wie wir nicht frei sind von Enttäuschung oder Schmerz. Ganz wenigen mag ein Leben bereits gelungen sein, das ohne dieses Feuer ist und ohne Asche - das meine ist es nicht. Vielleicht kommt der Tag an welchem mich der Zorn auf immer verlassen hat und sein Feuer mir zur Erleuchtung geworden ist. Bis dahin werde ich manchmal brennen und in kurze Raserei verfallen, aber ich werde darauf achten niemandem damit zu schaden.


Und machmal, zu ganz besonderen Zeiten, werde ich es mir zugestehen, mir selbst und ganz mit Absicht eine Brandrede zu halten, aus deren Asche ich diamantene Erkenntnisse bergen werde, die mich jedes mal mehr über mich und mein Leben lehren.


bis bald


herzlichst


Georg