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Durchblick


"Kein Mensch beginnt zu sein, bevor er seine Vision empfangen hat." (Weisheit der Ojibwa/ Anishinabe)

Noch steht sie da, die Wand die den Blick auf die Zukunft verwehrt. Noch malen wir auf sie, was wir fürchten oder hoffen. Sie scheint uns ein recht imposantes, ja ein gewalttätiges Jetzt zu sein. Ein Jetzt, das man nur schwer zu begreifen vermag, oder aber, dass man auch nicht richtig begreifen will, der Konsequenzen wegen. Leicht ist das nicht. Und die Vergangenheit, die ja Vielen besser schien, obwohl sie vielleicht nur "gut" war, (was ja genügt hat) diese Vergangenheit also liegt da, wie abgetrennt von uns, wie abgestorben oder abgefallen - auch sie wird irgendwann vergessen sein.


Jetzt steht man da und kein Zurück ist möglich. Man denkt an die Schiffe des Hernán Cortés, die er anzünden liess, um seinen Männern die Möglichkeit zur Rückkehr nach Spanien zu verunmöglichen. Und ja, es stimmt: ein Zurück gibt es nicht mehr! Das Gestern ist Geschichte, wohl noch nicht zur Gänze ver- und überstanden, aber Geschichte ist es allemal. Was bleibt ist eine Erinnerung die nun Hoffnung heisst und sich als Projektion auf jener Wand findet, vor der wir staunend, ergriffen, voller Wut oder Ehrfurcht stehen, unfähig sie zu überwinden. Bestenfalls schieben wie sie vor uns her, mit all den bunten Bildern, die unsere Sehnsucht auf sie wirft.


Die Wand zu durchblicken, also einen Blick nach vorne in die eigene Zeit zu tun, das wäre echte Vision! Selbst wenn das Schicksal dann ja weiterhin in eigener Hand läge, so hätte man zumindest eine Richtung, wenn nicht sogar ein Ziel! Und mit Ziel und Richtung wäre man schon gut gerüstet! Da hätte man schon ein gewisses Maß an Sicherheit! Zumindest wüsste man, dass da ein "Weiter" existiert und ein Weg, der ganz für einen selbst gemacht ist! Die Vision war immer schon eine "grosse Medizin". Stets war sie für die Gestrandeten der Auftakt zu ganz neuem und ungeahnten Erleben der Welt! Und dieser Durchblick, der steht uns allen zu, liegt als Gabe in uns angelegt und liegt uns auch im Blut! Nur haben wir vergessen wie man sie erlangt, die Vision und sind statt dessen "Gläubige" geworden. Es ist aber die Vision, die Risse in der Mauer werden lässt und nicht der Glaube! Es ist die Vision, die den Stein höhlt, die Brocken aus ihm sprengt und die selbst die stärkste Mauer zum Einsturz bringen kann!


Noch aber steht sie da vor uns, diese Jetzt-Wand und scheint für manchen gleich unendlich dick wie hoch, also unüberwindlich. Ihr mächtiger Schatten kann den Geist schon arg verschüchtern. Dieses JETZT ist uns beinahe schon zu viel, daher das Sentimentale in uns, oder der Versuch das Jetzt durch eitle Schönfärberei zu mildern. Daher auch der Hang zur Inszenierung, zum Theater. Wobei das, was wir gerne und romantisch als "Hier und Jetzt" bezeichnen, ja nie ein ganz wirkliches "Hier und Jetzt" ist! Das ist einer kleinen, aber trotzdem stark Einfluss nehmenden Verzögerung geschuldet! Also jenem Umstand, dass bis wir es im Kopf behirnen wo und wann wir sind, ein Minimum an Zeit vergeht und das so erkannte "Jetzt" im Augenblick der Erkenntnis, genau genommen schon Vergangenheit ist. Das "Ich", die "Ratio" hinkt nach, oder schleppt sich sozusagen immer etwas hinterher. Interpretation dauert eben. Bis uns das "heute" allumfassend gedeutet ist, ist es eigentlich schon ein verblasstes Gestern. Da wird es schwer mit echter Vision. Da ist dann nur Vorstellung möglich und eine Umdeutung der unmittelbaren Vergangeneheit ins Immer-Noch-Jetzt, also in eine vielleicht etwas angenehmere Variante des Gestern. Man bleibt auf ewig Gefangener der Glaskugel in die man blickt. Alles ist Projektion. Wenn man so will, ist dies keine echte Vision, sondern bloss die Karotte vor der Nase, nur dass man sie sich zur Abwechslung selbst dorthin gehängt hat. Echte Vision aber beginnt ganz anderen Ortes und es wäre nur gerecht, den Unterschied zu wahren. Um es mit William Blake, bzw. dem ihn zitierenden Aldous Huxley zu sagen: "if the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite" - und eben dort, im grenzenlos Unendlichen, beginnt die Vision vom Selbst!


Wenn also Vision, dann richtig. Das meint, dass man etwas dafür tun wird müssen. Nur sich vor die Wand zu stellen, zu klagen und zu hoffen, dass sie einen Blick auf den eigenen Lebensplan gewährt, wird zu wenig sein. Man wird sich in jene Räume zu begeben haben, die ausserhalb der Komfortzonen liegen. Man wird aus dem Schatten der Wand treten müssen und ins Licht der Wahrheit was die eigene Existenz betrifft! Das ist nicht neu, das war schon immer so - und jene Menschen, an denen wir gerne den Inbegriff von tradierter und gelebter Spiritualität festmachen, sie machen es uns vor! Wohl dem, der solche Lehrer, Förderer und Freunde hat! Welch grosses Glück auf sie zu treffen und welche Herausforderung zugleich!

Die Räume die ich meine, sind zum Beispiel die Schwitzhütten, also die wahren und echten! Sie sind jener heilige Raum, in dem wir, losgelöst von Ego und Selbstdarstellung, das "wahre Jetzt" erfahren dürfen! Hier ist kein Platz mehr für langes Denken, oder für nach Aufmerksamkeit heischende Selbstinszenierung! Hier endet alles Spiel und es geschieht ein grosses Wunder: Wir werden zu dem was wir wirklich sind! Wir verlieren jene Anhaftungen, welche uns an die Mauer zwingen! So gelingt uns, aus tiefster Seele betend und uns so mit der ursprünglichen Schöpferkraft verbindend, ein Blick auf den eigenen Lebensweg! Wir finden zu Haltung, zu Richtung und Ziel! Wir werden Eins mit allem das ist und die Zeit, der Raum ja selbst die Mauer und ihr Schatten spielen keine Rolle mehr! Hier endet all das auf die Wand gemalte Theater samt Teufel und Dämonen! Hier herrscht ergreifende Wahrhaftigkeit! Wir durchblicken die Schleier die uns die profane Wahrnehmung aufgezwungen hat und erkennen dahinter die unglaublichen Weiten des ewigen Seins! Ja, es ist eine Zwiesprache mit Gott, dem Schöpfer, dem Universum, oder welchen Namen wir sonst noch dafür finden. Es ist schlicht die Erkenntnis, selbst eine Vision Gottes zu sein, die eben dabei ist wahr zu werden! Es ist ein grosses TUN!


Dieser Durchblick ist auch im profanen Leben ungemein hilfreich! Er verhilft uns dazu, das alltägliche Theater weniger ernst nehmen zu müssen! Er mildert auch den gefühlten Schrecken über eine Welt, die ausser Rand und Band zu sein scheint und hilft im Geiste klar zu bleiben! Dieser Blick ermöglicht uns so Vieles in ganz neuem Lichte zu betrachten! Und mehr noch, als er alles in Relation zu setzen vermag, bringt er uns das, was wir so dringend benötigen: inneren Frieden! Er hilft uns dabei, die Hüllen, die Rüstungen und Kostüme der Mitmenschen zu durchdringen, um sie so als Mitglieder der eigenen Familie wieder zu erkennen! Dieser Durchblick ist ein milder und ein klarer zugleich. Er ist der Blick ins Herz. Er ist das "sich im Anderen erkennen" Er ist dieses "Ich sehe Dich". So meint dieser Blick auch die Liebe und alles was sie uns zu lehren imstande ist.


Also auf! Lasst uns nach Visionen suchen und lasst uns endlich werden, was wir in der Seele bereits sind!


bis bald

herzlichst


Georg