Dem Esiberg sei Dank!


Das ist neu, diese gefühlte Ausweglosigkeit. Da wartet man tagtäglich darauf dass der Wind sich dreht, dass die Richtung sich ändert, dass es nicht weiter nach unten sondern wieder gerade aus geht. Viele warten so. Auf eine Art "Erlösung", auf einen "Umschwung" oder einfach darauf, dass das Leben endlich wieder "normal" wird oder auf Kurs kommt. Vermutlich warten eigentlich fast alle darauf und das unabhängig davon, wie sie zur Sache ganz allgemein stehen – die meisten wollen dass "es" endlich aufhört.

Während so gewartet wird, gewinnt eine gewisse Radikalität überhand und dies auf allen Seiten. Man muss schon gehörig aufpassen, um nicht in die "selbe Schwingung" zu verfallen, wie jene, denen man Blödheit und Herdentrieb unterstellt. Zu leicht übersieht man deren Ängste, die sie so denken und handeln lassen, wie sie es eben tun. Zu leicht übersieht man, dass man oft genau das selbe tut oder denkt – nur unter anderen Vorzeichen, aber ebenso aus Angst, Frustration oder schlichter Besserwisserei.

Man fühlt mitunter eine gewisse, saure Ausweglosigkeit. Da fällt einem die Titanic ein, jenes unsinkbar geglaubte Schiff, das dann nicht einmal seine Jungfernfahrt überstanden hat. Man denkt kopfschüttelnd und im Rückblick natürlich wissend, an an die Überheblichkeit und an den unerschütterlichen Glauben an Technik und Fortschritt den man damals hatte und an den Stolz, der einen ganz üble Fehler hat machen lassen. Letztlich hat aber ein simpler Eisberg, also das selbe Element welches das Schiff tragen sollte, nur in anderer Form genügt, um gemeinsam mit einer schönen Portion Ignoranz und Arroganz, den Traum vom unsinkbaren Schiff binnen weniger Augenblicke zu zerschlagen.

So auch heute: Wir müssen einsehen dass es so nicht weiter geht bzw. ging. Wir sollten akzeptieren dass der Eisberg bereits gerammt ist und unser Schiff unrettbar sinkt – also dass wir mit Ignoranz, Arroganz, Wut, Haarspaltereien, Verdrängung des Wesentlichen und Sturheit kaum den Ozean der Zeit zu überqueren imstande sein werden.

Ist es wirklich ausweglos? Sinken wir bereits? Mit absoluter Sicherheit! Aber ist es nicht ganz natürlich dass ein leck geschlagenes Schiff sinkt? Ist es nicht ebenso natürlich, dass dessen Reise an eben diesen schicksalhaften Koordinaten endet und es nach unten muss, auf den dunklen, stillen, alles verzeihenden Grund und dass es dort vergeht, weil es eben endlich ist? Das ist doch wohl kaum überraschend! Säße man nicht im selben Boot, es würde uns nicht als besonders widernatürlich, seltsam oder das antrainierte Konsum- und Ablenkungsverhalten störend erscheinen – das Sinken. Bliebe das Schiff, trotz des gewaltigen Lecks immer noch schwimmend – DAS wäre unnatürlich und verwunderlich, nicht aber der Untergang dieses heillos überladenen Kolosses!

Und wenn manche, egal ob Crew oder Passagier, auch noch wahnhaft daran arbeiten das Leck zu vergrössern, sich um das verwaiste Steuer raufen oder für musikalische Untermalung sorgen, so ändert das nichts an der Tatsache dass das Schiff sinkt! Selbst wenn auf den geheimen, dunklen und dem normalen Passagier meist verborgenen Decks noch grossartige Geschäfte getätigt werden oder so manche üble Gaunereien geschehen, so ändert das nicht das geringste am Vorgang des Untergehens.

Dass so ein Schiff sinken MUSS ist ja eigentlich nicht weiter überraschend – nur kommt es einem recht ungelegen, weil man eben Passagier ist und das Ziel, mit dem man hoffnungsvoll oder gedankenlos an Bord gegangen (worden) ist nun nicht erreicht werden wird – zumindest nicht mit diesem Schiff! Nicht so!

Aber man lernt aus den Unglücken und Havarien! Langsam aber doch. "Langsam" weil der Mensch ja nicht einer sondern viele ist und "doch" weil es unsere Natur ist! Es dauert eben bis man den Fehler als Erfahrung begreift die nicht wiederholt oder vermieden, sprich verdrängt, sondern positiv verstanden sein will – aber es lohnt sich, bei aller Mühe die das macht!

Jetzt steht man da, auch ich, auf dem immer schräger werdenden Deck des sinkenden Riesen und hadert mit sich und der Natur, die sich nun radikal durchsetzt indem sie gegen das vor geht was wider sie ist. Der Mensch stemmt sich natürlich angstblind gegen die Schräglage, ganz so als könnte er, nur durch das eigene Gewicht befähigt, dem sinkenden Schiff wieder die rechte Lage aufzwingen. Aber ob das gelingen kann ist mehr als fraglich – und falls es doch gelänge, wozu?

Es nützt einen zusehends ab, dieses sich dagegen stemmen – was aber nicht heisst dass man mit untergehen muss – denn man ist weit weniger Teil der Maschinerie als man gerne glaubt! Dieser überholte Glaube des "Maschinen-Teil-Seins" stammt ja noch aus jener egoistisch-beeindruckenden Zeit, in welcher das Schiff stolz und neu vom Stapel lief – sprich aus der glorreichen Vergangenheit der Wunschdenkerei. Aber man war nie wirklicher, organischer Teil dieses pseudokollektiven Konstruktes! Vielmehr war man "der Geist" dieser Maschine und da sie sich nun überlebt hat wird es Zeit sich endlich von ihr zu lösen! Es bricht ja die Ära des Menschenfamile-Seins an und diese verlangt nach ganz anderen, individuelleren und menschlicheren Transportmitteln! Das ist es was sich am flammenden Horizont bereits jenen zeigt die mit dem Herzen zu sehen verstehen!

Vielleicht ist es so, oder zumindest könnte es so sein: Dem Eisberg sei Dank ist man selbst von einigen stolzen Eitelkeiten befreit worden. Dem sinkenden Schiff geschuldet, denkt man darüber nach, wie und welches Ziel wirklich anzusteuern wäre und weil die Zeit sich weiter durchs eigene Leben frisst, fasst man den Mut zumindest emotional von Bord zu gehen! Man hört vielleicht endlich auf, den Untergang, mit sentimentalen Blick auf den Stapellauf des Schiffes zu betrauern und wendet den nun geklärten Blick dem Seelenhorizont zu, hört auf das eigene, wissende und weise Herz, das schon lange (aber ungehört) einen neuen Kurs angibt – den Kurs zum wahren Selbst! Vielleicht, nein eigentlich ganz sicher sogar, hat es den Eisberg, die Arroganz des Kapitäns und alles andere gebraucht, damit man sich endlich die wirklich wichtigen und richtigen Fragen stellt! Es war schon gut so hart und nachhaltig gestoppt zu werden – denn ohne das Sinken des Schiffes, wären wir wieder und wieder am selben Eisberg zerschellt!

Natürlich ist das fordernd! Natürlich ist das nicht einfach – weil Neuorientierung nie leicht oder einfach ist! Natürlich gilt es sich gerade jetzt zu bewähren! Und ebenso natürlich zählt jetzt die Haltung, die Liebe, die Kraft und auch die naturgegebene (aber oft vergessene) Fähigkeit zur Veränderung ebenso, wie die Bereitschaft loszulassen um endlich eine neue Richtung einschlagen zu können!

Wenn wir begreifen wird alles gut. Wenn wir die Furcht überwinden, den Hass über Bord werfen und den Mut wieder finden, dann beginnt eine neue Reise, mit neuem Kurs und auf eigenem Boot! Wenn wir auf die Stimmen aus unserer Tiefe hören ist das Ziel ein erfüllendes – denn das herz weiß den Weg und die Seele kennt das Ziel!

Im Absterben des Alten entsteht die Vision des Neuen!

Bis bald ihr Lieben, am Feuer der Freundschaft!

herzlichst

Georg