Das große Sterben


Es hat begonnen das “große Sterben”. Und man staunt nicht schlecht was da so alles stirbt: Da stirbt so manches Vertrauen an oder in bestimmte Institutionen und das mit Getöse. Etwas stiller und zurückgezogener sterben schwächelnde Freundschaften, ganz tonlos verlassen uns falsche Vorstellungen.

Auch kränkelnde Beziehungen geben sich in letztem, unsinnigem Kampf ermüdend, ihren Geist auf. Auch der gute Glaube an das “Unverrückbare” tut ebenso seinen letzten, matten Atemzug, wie jene Bestimmtheit, mit der man früher wusste oder glaubte, dass die Dinge aus denen die Welt gemacht ist so sind wie man es uns glauben gemacht hat: “sicher”

Worte sterben und ganze Sätze. Parolen fallen tot um. Versprechen sind bereits ohne Blut wenn sie gegeben werden. Gute Gedanken hauchen ihr bisschen Leben aus das sie noch hatten und Manchen stirbt sogar die letzte Hoffnung weg. Auch vieles andere liegt in den letzten Zügen: So manches Unternehmen das sich nicht dem Diktat des sich immer weiter Aufblähens unterworfen hat, viele kleine, bescheidene Gewerbetreibende, der Dorfwirt, der Greißler im Ort der ohnehin schon der letzte gewesen ist, der “sichere Job”, die freie Wahl des “Wo” und des “bei wem” und bei manchen gar die gesamte Existenz. Das ist natürlich beklagenswert, ohne Frage.

Man könnte heulen und mit den Zähnen knirschen wüsste man nicht, dass mit dem Tod des Alten auch viel Neues sich auftut und geboren wird! Man muss es natürlich wagen oder sich überwinden und sich selbst aus der eigenen Lethargie reißen wenn man es sehen will. Und es geschieht! Es stellt sich bei aller Tragik und Dramatik doch schon beinahe die Frage was da mehr ist? Wird da vielleicht sogar mehr geboren als wegstirbt – wenn man ganz genau hinschaut? Bequemer ist es natürlich den Kopf in den warmen Treibsand zu stecken, sich über die so hereinbrechende Dunkelheit zu grämen und sich dem Sog der Sinnlosigkeit feige hinzugeben.

Aber wer mit dem Herzen sieht der bemerkt: Da kommt so einiges neu in die Welt! Eine neue Qualität was Freundschaft und Beziehung betrifft zum Beispiel! Eine neue Form des Miteinander ist schon in Schwangerschaft begriffen! Das Wort, das früher schnell und unbedacht gegeben wurde bekommt wieder neues, ehrliches Gewicht! Neue Beziehungen, mit neuer wahrer Tiefe entstehen! Freundschaften, die man für tot geglaubt hat beleben sich auf wunderbare Weise neu! Wahlfamilien und Clans werden geboren!

Kreise die vorher klein und unscheinbar waren gewinnen an Leuchtkraft, ziehen Seelenverwandte an und binden sie Herz an Herz in neues Sein und Werden!! Und Kontakte, die früher durch örtliche Distanz kaum Nachhaltigkeit hatten verbinden sich neu und untrennbar! Neu ist auch dass man wieder miteinander SPRICHT und ganz neu ist dassss man auch ZUHÖRT – mancherorts zumindest. Und die Lust!! Diese Lust am gemeinsamen Sein, bei dem man einander wie Seelennahrung, wie wärmendes Feuer ist!!! Wo Umamrung Medizin ist! Wo der Kuss heilt! Stirn an Stirn, Herz an Herz, Hand in Hand!

Und auf den Straßen! Was für ein Zusammenkommen! Ein FÜREINANDER aber nicht beschränkt auf einen knapp umzirkelten Ort sondern WELTWEIT – so als ob mit der Krise, der Einschränkung, der Drohung der Begriff “Menschenfamilie” endlich vom Wort zum Fleisch geworden ist! Und ja, auch das Gegeneinander wird zum Miteinander werden, weil es im Grunde ja das selbe “Wollen”, die selbe Mechanik – nur unterschieden dadurch wie es zu bewerkstelligen sei – unterschieden ist. Alles ist “global” in diesen Tagen – ALLES! Das ist die Qualität der Zeit!

Neue Ideen gebiert die Not und so auch neue Möglichkeit! Und Jenen, denen man den Raum des Gewohnten verschlossen hat, die finden wenn sie sich mühen neue, noch gänzlich ungegangene Wege! Neu ist auch das Begreifen, das Verstehen von Zusammenhängen und neu und vehementer ist das “genauer wissen Wollen”! Auch die Frage nach dem Sinn stellt sich neu -nachdem sie allzulange nicht gestellt worden ist.

Wie neu geboren ist auch mir der Geist, weil er gezwungen ist hinzusehen und zu hinterfragen – auch mich selbst! Da wächst in einem etwas heran von dem man nichts wusste: Stimme, Haltung, Meinung, Rebellion, ja und Widerstand auch! Und all das Neue das da kommt, all das was da im Absterben des Alten geboren wird, all dies ist erst im Anfang begriffen! Man muss nur die Asche abschütteln – dann kann man es sehen, fühlen, ahnen und wissen auch.

Wer hinsieht, wer NEU hinsieht auf das was gerade vergeht, der sieht auch, dass was neu entsteht! Der fühlt dass jeder für sich und wir als Ganzes mit einer ganz neuen Welt schwanger gehen! Ja, das ist nicht leicht das schwanger-Sein – die Frauen die geboren haben, die wissen davon!

Und ja, die Geburt ist oft auch schwierig und voller Gefahr – auch das wissen die Mütter unter uns! Aber sie wissen auch um das Wunder das auf all den Schmerz, die Wehen, den Schweiß und die Anstrengung folgt! Sie wissen um das Wunder eines neuen, selbständigen und selbstfühlenden Lebens! und jeder Geburtshelfer, jede Hebamme weiß es: Man muss einander dabei helfen! Es ist ein MITEINANDER wie das ZEUGEN auch!

Darum ihr Männer, besonders wir, die wir so gerne den Untergang der Dinge forcieren, Kriege führen und Schlachten lenken – darum lasst uns auf die Frauen hören, auf jene die schon ein Leben in die Welt gebracht haben! Auf die MÜTTER! SIE wissen vom Neuen! SIE wissen vom schwanger-Sein und vom Gebären! Sie sind es aus dem alles kommt! Sie sind URSPRUNG!

Darum ihr Frauen, die ihr wisst wie das NEUE SEIN in Eurem mystischen Dunkel heranwächst, wie es sich bewegt, sich wendet, wie es tut und Euch ins Herz flüstert, noch lange bevor es zum Licht wird das uns die Welt erhellt – darum ihr Frauen erinnert Euch an Eure Kraft und vor allem daran: Das Leben ist ein Fluss und seine Quelle ist die Frau!!! Fühlt in Euch und erzählt uns davon und nehmt uns so unsere dumme Furcht vor dem was wir noch nicht zu sehen imstande sind! Ihr Mütter: Sprecht in den Kreisen, in den Schwitzhütten aus Eurer Tiefe, Eurer Erfahrung! Ihr werdet gehört werden!

Darum wir alle, die wir das Neue ersehnen und ohnehin die alten, festgefahrenen Wege verlassen wollten, darum erinnern wir uns endlich daran “wie Leben funktioniert”! Dass es den Tod nötigt, dass es den Übergang braucht, dass das eine und das andere ein und die selbe Türe ist – ein Weg ins NEUE!

Also seid guter Dinge, seid ohne Angst, seid stark und bleibt in Eurer Mitte – dann ist und wird alles gut. Erwartet alles – aber fürchtet nichts! Hört auf die Mütter! Habt Vertrauen!

herzlichst

Georg