Respekt

Respekt

 
 
Es ist dem aufgeklärten und kritischen Menschen nicht möglich, die Geschichte der Ureinwohner Amerikas ohne die Realität des geplanten und von staatlicher Seite durchgeführten Genozids und Ethnozids zu betrachten. Wenn man sich wirklich informiert, bleibt vom romantisierten Bild des „Indianers“ kaum etwas über. Was bleibt ist der Blick auf ein auch heute geschundenes, entrechtetes und seines Landes, seiner Lebensgrundlage und Kultur beraubten Volk, welches in der offiziellen „Geschichte der USA“ kaum oder nicht vorkommt.
 
Die Politik der USA ist auch im 21ten Jahrhundert von jenen grundlegenden Denkmustern geprägt, welche schon in der „Pionierzeit“ Mord, Raub und Vertreibung legitimierten: Rassismus, Gier und der Glaube daran, dass es einer von Gott auserwählten Nation gestattet sei, alles „primitive“ in wirtschaftliche Entwicklung und in einen Staat samt Lebensweise der Herrschenden zu zwingen. Noch heute hofft die Amerikanische Regierung dass sich das sog. „Indianerproblem“ von selbst lösen wird – sprich, dass die Reste der Urbevölkerung gefördert durch Alkohol, Drogen und Suizid aussterben, oder zumindest von der Amerikanischen Zivilgesellschaft restlos absorbiert werden möge. Man hofft, dass den First Peoples das selbe Schicksal widerfährt wie dem Bison, den man von gesch. 75 Millionen auf 800 (!) Stück reduziert hatte. Noch einmal: Diesem Volk, diesen 500 Nations ist nichts „zugestossen“ oder „passiert“ – so wie ein Naturereignis „passiert“ – nein, alles wurde bewusst herbeigeführt, geplant und umgesetzt. Umgesetzt von jenen „Führern der freien Welt“ den Präsidenten und Abgeordneten, den Schreibtischtätern und Planern einer „besseren Zukunft für alle“, in Tateinheit von Kirche und Staat, gebilligt, genehmigt und besiegelt, von jenen herbeigeführt die sich stolz „Väter der Nation“ nannten und nennen, von jenen die sich einer Verfassung rühmen, laut welcher alle Menschen gleich sind, mit den selben Rechten versehen – ausser dem Indianer versteht sich.
 
Noch immer gilt „nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ – wenn auch nicht offen ausgesprochen, so ist es Grundmuster, einer zutiefst aggressiv-expanisven, vor Waffen und Geld strotzenden Weltmacht, die es verstanden hat und versteht unter dem Deckmantel der Befriedung, Demokratisierung und wirtschaftlichen Entwicklung zu zerstören, zu unterdrücken, zu vernichten, zu versklaven und zu rauben.
 
„In God We Trust“- (oder besser „In Gold We Trust“) dieses Motto legitimiert jede Gräueltat, von Zwangssterilisierung, Sklaverei, Massenmord, Entrechtung bis hin zu sexuellem Missbrauch, Kindsraub, Ethnozid, Landraub, Umsiedlung, radikale Umerziehung, demographische Dezimierung durch Vernichtung von Lebensgrundlage (die Liste ist lang) – würde man aber dem eigenen Herzen vertrauen, es wäre besser, ethisch und moralisch. Trotz alledem gibt es Hoffnung. Und wir werden Teil dieser Hoffnung und Entwicklung wenn wir uns mühen das grosse Ganze zu sehen, wenn wir den Mut haben die Bilder die man uns anerzogen hat zurechtzurücken, selbst wenn uns die Geschichte oft unangenehm entgegenweht, selbst wenn dieser Wind ein Sturm wird – er vertreibt den Nebel der über dem eigenen Geist liegt, er klärt unsere Wahrnehmung, er öffnet uns Auge und Herz, er vertreibt die Lüge. So beginnt Respekt. Bildung ist der Schlüssel – nicht Scham oder der romantische Blick auf alles „indianische“ – denn der romantische Blick ist die Brücke zum Konsum. Und auch hier wieder: Raubbau, verhökern der kulturellen Restbestände, Mode, Schnickschnack, esoterische Verbrämung und Verhöhnung im Grunde wirklicher, weil lebensnotwendiger und lebenbejahender Spiritualität.
 
Bildet Euch! Rückt die anerzogenen Bilder zurecht! Es ist Pflicht! Schulwissen hat nichts mit der Realität zu tun. Ruhig gehalten sollen wir sein. Satt an romantischen Bildern, blöde von Fiktion, taub von falscher Wahrheit und so unfähig hinter den Vorhang zu blicken. Wenn man von eben jenen über die ich schreibe offenen Herzens, als Freund, Bruder an- und aufgenommen wurde, wenn man das Privileg erfährt teilzuhaben, so hat man auch die Verpflichtung aufklärend zu wirken. Das ist mein Beweggrund diese Zeilen zu schreiben. Es ist, neben materieller Unterstützung, das mindeste was man tun kann – aber ungemein wichtig. Es beschäftigt und berührt mich, weil ich die Situation von Menschen sehe, die keine blossen Namen im Meer der Geschichte sind, sondern Namen von Menschen die ich persönlich kenne, die auch mich erkannt haben – aktuelle, lebende und atmende, sich sorgende und mit unglaublichen Problemen kämpfende Menschen, die ich Freund, Bruder, Schwester nennen darf.
 
Die Betrachtung und das Studium der Geschichte muss immer ins JETZT münden – denn nur im Jetzt liegt die Möglichkeit des TUNS: Dennoch bedarf es der Geschichte und ihres Studiums um das Jetzt zu begreifen und um die Notwendigkeit des Tuns zu verstehen. Sich ausschliesslich mit der Vergangenheit zu beschäftigen lastet aber nur den Staub des Gestern auf unsere Schultern. Ihn dann abzuschütteln und im Jetzt zu handeln und aufzuklären über die aktuelle Situation sollte das Ziel sein. Ich bin auch keinesfalls der „grosse Indianersachverständige“ oder vom „Indianer-Virus“ erfasst. Mir wurde nur eine Türe geöffnet, vor Ort, die mir Einblick gewährt. Und mit dem Öffnen dieser Türe, öffnet sich zwangsläufig der gesamte Themenkreis und das mit beängstigender Klarheit. Es erschliesst sich mir ein Blick den ich so nicht kannte – und was ich in den letzten Jahren gesehen habe, was ich erleben durfte berührt mich, beschäftigt mich und befreit mich auch von den falschen Bildern die ich seit meiner Kindheit vermittelt bekommen habe. Ich weiss auch das viele mit diesen falschen Bildern auf das Thema „Indianer“ blicken. Hier ist Korrektur nötig und es liegt an jenen, deren Blick schon klarer ist, diese Korrektur zu forcieren.
Ein Zitat: „Wir haben keine Rechte, auch nicht im Reservat in das wir gezwungen wurden. Wir sind im Gefängnis.“
Befreit Euch von den falschen Bildern, habt Mut!
herzlichst
Georg

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