Die nackte Seele

Die nackte Seele

Wenn ich nach Wörtern suche ist das Arbeit. Es ist, wie im Ozean der eigenen Existenz nach Muscheln oder Korallen zu suchen. Da gibt es jene und welche – und es ist oft nicht ganz leicht die richtigen zu finden. Vor allem wenn es um Tiefe geht, dann muss man schon auch in eben jener Tiefe suchen. Das erfordert Kraft und langen Atem, denn so ein Wort, ein richtiges, liegt oft ganz unten in einem selbst. Sich dorthin zu begeben ist Wagnis. Dann besieht man sich das Wort, dreht und wendet es und taucht dann auf mit dem Wort, dem gefundenen und fügt es mit den anderen zum Satz.

Natürlich könnte ich es mir leicht machen. Ich könnte mich selbst ständig wiedergeben, mich selbst kopieren. Oder aber, ganz bequem an der Oberfläche bleiben, da am Ufer am sichern und mich jenes Treibgutes bedienen, das da zu Hauf im Umlauf ist. Am Ufer des „mainstreams“ findet sich ja vieles! Abgegriffene Wörter, abgenutzt und kaum noch mit erkennbarerer Oberfläche versehen. Sogar Halbsätze findet man dort, wie glattes Holz. Man bräuchte sie nur aufzunehmen und aneinander zu reihen und hätte dann flache Beschreibungen von flachen Dingen in einer flachen Welt. Aber es wären nur Sätze die keine Tiefe mehr kennen, schon gar keine eigene. Es wären Wörter und Sätze die nur dem Ego schmeicheln, dem eigenen – und das Ego ist immer Oberfläche, ist Strandgut. Das Strandgut soll nehmen wer mag, ich sammle es nicht, ich lasse es jenen die damit können und sich tagtäglich ihre Welt daraus zusammenbasteln.

Die Seele braucht aber andere Wörter, sie braucht wirkliche erarbeitete Sätze. Sie verlangt nach ganz genauem Hinsehen dort unten, in der Tiefe wo dem Ego (und nur ihm) die Luft rasch knapp wird. Dieser Tauchgang gelingt nicht immer, weil die Tagesverfassung entsprechend wechselnd ist. Da ist oft zu viel Oberflächengetöse die alle Aufmerksamkeit bindet – und alle Energie. Dann sind da wieder geschenkte Tage, die einem den Blick und die Reise nach in die Tiefe ermöglichen. Aber auch da bedarf es Anstrengung, weil es ja erhrliche Arbeit sein soll und nichts was man sich gerade mal so aus dem Ärmel schüttelt. Manchmal nötigt es auch die das Boot zerschmetternden Krise, die tiefste, weil eben sie uns wie keine andere Naturgewalt, zur nackten Seele zu führen imstande ist!

Auch Gefahr besteht bei diesem Tauchgang nach Wort. Es besteht die Gefahr nur eben von jenen verstanden zu werden, die den Tauchgang beim lesen nachvollziehen können, nein, ihn sogar mitzumachen imstande sind! Da braucht es Muße und Ruhe und eine Fähigkeit die man als „die Neugier an sich selbst“ beschreiben könnte. Denn was wir zu beschreiben versuchen ist der Zustand der nackten Seele! So steht man, also ich, vor der Wahl: Sich mit seelenloser Oberfläche begnügen, mit der schönen Spiegelung der Egosonne, oder aber nach unten sich wagen, auch mal ins oder besser durchs eigene Dunkel zu blicken, um zu sehen was dort zu finden ist.

In der Tiefe, dort wo die nackte Seele ruht und auf ihre Entdeckung wartet findet sich viel. Dort sind jene Wörter zu Hause, die, wenn man sie von dort unten betrachtet, ganz anders wirken als ihre Zerrbilder an der Oberfläche! „Liebe“ – was für ein grosses Wort dort unten! Aber oben an der Oberfläche nur Wunsch oder Wollen oder Besitz. Hier aber in der Tiefe stellt sich das Wort vor einen hin wie ein Baum und ist eben beseelt und wahrhaftiger und drängender in der Frage nach dem „wie?“ Noch mehr fragt dich das Wort: Liebst du? Wenn ja, wen oder wie? Was ist diese schmerzhafte Liebe der man sich nicht entziehen kann? Nahe der nackten Seele versteht man es dann mit einem mal. Man begreift, weil einem die Seele zuspricht, dass die Liebe ja nur da oben an der Oberfläche schmerzhaft und kompliziert und seltsam ist und einen zerreisst! In der Tiefe aber, nahe der eigenen nackten Seele, ist sie unendlich leicht und ohne wollen oder müssen. Sie steht vor einem, nein, strömt durch einen hindurch, erfüllt einem warm das Herz und macht bewusst, dass man sich nur ihr hinzugeben bräuchte und alles würde gut und schön und wahr und einfach ohnehin!

Dort, in der Tiefe auf, der Suche nach den Worten welche den eigenen Zustand zu beschreiben vermögen, herrscht wahrlich kein Gedränge – nur wenige wagen sich dorthin. Zu verlockend ist die spiegelnde Oberläche, auf der wie gelbe Plastikentchen, alle Egos der flachen Welt vor sich hin dümpeln und sich im Wellengang gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Jedes Entlein will auf den Wellenkamm, es will dem Wellental entrinnen und gelber sein als all die anderen, klüger sowieso, oder eben arm, so arm dass alle Aufmerksamkeit dem kleinen, armen, im Wellental scheinbar gefangenen Entchen zuströmt. An der Oberfläche quakt es herz- und hirnzerreissend. Unten aber, in der Tiefe der eigenen herrscht eine feine und heilsame Ruhe. Dort sind die wahren Worte zu finden die es braucht. Dort bekommt das Wort seine Kraft und Qualität. Hier wird das Wort erst geboren! Nur von dort lässt es sich sagen „ich liebe dich!“.

Die Suche nach dem rechten Wort, das Ringen um den Satz, der Versuch der nackten Seele nahe zu kommen führt in die Tiefe. Diese Tiefe ist aber nicht nur dunkel oder drückend! Es gibt einen Übergang, eine Zone, wenn man sie durchtaucht hat, da wird es beinahe leicht und Licht wird es ebenso! Es ist, als ob man all die gelben Plastikentchen und ihre gelbe Plastikentchenwelt hinter sich lässt und diese keinen Einfluss mehr übt auf das eigene Sein. Da ist kein auch kein elender Auftrieb mehr. Man schwimmt endlich wieder frei. Man atmet, gegen einen ersten Widerstand angehend das süsse Wasser und begreift endlich, dass einem die Tiefe nicht fremd ist! Nein! Die Oberfläche ist das eigentlich Fremde – die Abspaltung von der eigenen Seele, die sich nicht zu verkleiden sucht, die immer nackt ist, und wahrhaftig! Sie nötigt keinen neuen Kleider, nur das Ego tut es, beständig und gegen unsere eigentliche Bestimmung! Und der Schmerz den man in sich trägt entsteht nur aus der Distanz, aus der Entfernung und Entfremdung, aus dem Treiben an der Oberfläche, so fern der nackten Seele, und so nahe zugleich.

Wer das Wort sucht wird in der Tiefe fündig werden – und er wird dort mehr finden als nur Beschreibung. Er wird der nackten Seele gegenüber treten und es wird wie ein Nach-hause-kommen sein. Man muss es wagen, das ist klar. Man muss wissen das nur das Ego sich der Nacktheit schämt und nach buntem Tuch verlangt, nach Übersteigerung und Glanz, nie aber die Seele, denn das Nackte ist ihre schlichte und zugleich grandiose Natur! Man muss zunächst den Fokus ändern, gegen alle Widerstände. Man muss seine Platikentchenexistenz radikal aufgeben. Man muss die Bereitschaft in sich pflanzen die gelbe Plastikentchenwelt mit all ihren Normen und kollektiven Wahn, der nur der Angst des Allein-seins geschuldet ist, hinter sich zu lassen. Wenn man es dann wagt, wenn man beherzt die Tiefe sucht, wenn man taucht und das Schnattern der Oberflächenwelt zurückbleibt – dann, ja dann ist man wieder auf seinem Seelenweg. Weit ab von Bespassung und sinnfreier Ablenkung. Weit entfernt von blendenden Egos und peinlicher Selbstinszenierung. Man ist auf dem Weg zur nackten Seele, zu wahrer Liebe und zu echtem Sein.

 

Manchmal, so wie heute frage ich mich, wer wohl versteht, wer wohl mit in der Tiefe ist denn ich weiss es ist ein Wagnis. Für jeden von uns. Jeden Tag. Aber es lohnt sich!

 

herzlichst

 

Georg

 

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Georg

2 Comments

  • Sylvia

    Diese Worte bringen etwas in mir zum Klingen – es ist ein Eintauchen in mich !!!!
    Wunderschön !!!
    Vielen lieben Dank Georg für Dein Mit-Teilen !!!

  • Maria

    Lieber Georg. Der Regisseur des Films „the shape of water“ zeigt in dem Film genau das was Du in Deinem Schreiben von der nackten Seele so wunderbar ausdrückst. Ja, da unten in der Tiefe tummeln sich mehr als Du vielleicht annimmst -Du bist nicht allein! Herzlichst Maria

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