Blödmensch

Blödmensch

Natürlich kann man sich zu Tode fürchten, ist ja in. Man kann sich auch ins Grab lesen, auch das geht. Man kann sich zufressen oder sich ins Nichts fasten. Man kann sich unter Plüscheinhörnern begraben lassen, oder sich im ach so endlosen halbwahren Internet, an den Rand des Wahnsinns googeln. Man kann sich zum Opfer machen oder zum Täter werden. Man kann sich in allem verlieren, sich aufs genaueste sezieren und mit einer Fackel aus elend schmerzhafter Vergangenheit das Hier und Jetzt beleuchten. Man kann sich glattspiegeln in all den Anderen, oder sich grau machen und klein und unsichtbar. Man kann alles, billig bis teuer, mehr oder weniger intelligent, bunt oder fahl, laut oder leise. Alles kann man, nur eines nicht – entkommen. Am Ende wird man dastehen und sich Fragen stellen. Man wird an Wahrheiten rütteln wie: Der Grund der eigenen Existenz, der Sinn hinter allem, das Davor und Danach, so es eines gegeben hat. Man wird sich nicht drücken können vor der Frage „und jetzt?“. Man wird sich seiner Bestimmung, die ja Entwicklung und Selbsterfahrung meint, nicht auf Dauer entziehen können, nicht mal zu Weihnachten. Nicht mal in jener Zeit, da die Weihnachtsmänner, die ausgestopften, Häuserwände erklimmen. Natürlich lenkt die psychedelisch blinkende Weihnachtshyperdeko ein wenig ab. Klar ist man mit Einkäufen und Geschenksgefangennahme beschäftigt. Natürlich hungert man schon vor, um sich dann, endlich wieder satt zu essen. Da wirkt sogar der Weihnachtsstress irgendwie beruhigend, weil er ablenkt, eine Zeit lang, länger oder gar auf Dauer aber nicht.

Hört man eigentlich noch das eigene Herz? Bemerkt man noch das stete, leise nagende Sehnen in einem? Wagt man halbmutig den Blick nach innen, das einen aufruft zu tun, zu handeln? Hat man noch ein Gefühl dafür, dass da etwas Unerfülltes in einem ist das leidend hungert? Oder ist man schon ganz Blödmensch geworden? Nein – natürlich nicht, will ja doch keiner sein. Ich ja auch nicht. Wie das schon klingt „Blödmensch“. Das ist nichts was man wirklich anstrebt. „Dumpfmensch“ klingt besser aber ja auch nicht verlockender – „Fressmensch“ geht gar nicht, „Kaufmensch“ ist ebenso übel. „Liebensmensch“ – ja das schon eher. Das wäre gut. Das klingt nicht dumm, und „dumm“ ist ja schlecht weil dumm sein ja blöde ist, vor allem unter all den Hyperintelligenten um einen rum. Nein, dann schon lieber „Liebesmensch“ und „Herzensmensch“ – klingt zwar etwas abgelutscht, weil das Wort so viel und gern und beinahe gelegenheitsunabhängig vergebraucht wird. „Selbstmensch“ – da wär noch etwas an Potential drin! Ja, SELBST sein, ganz und gar und vielleicht sogar ohne all den komplizierten psycho-esoterisch-energetischen Tamtam den man drum machen könnte. Also weniger ist mehr und nichts ist eigentlich alles…

Da zuckt das Ego etwas zusammen, weil das ja nach Reduktion (schon wieder!) klingt. Wo man doch eh schon reduziert wird, vom Leben als solches, weil das was man sich wünscht oder vorstellt meist ja nicht mal im Ansatz eintritt. Da schenkt man sich zu Weihnachten besser selbst die ehrlich, hässliche Krawatte. Dann ist das zumindest schon mal fix. Trotzdem ist es ein reduktives Prinzip. Man will ja was loswerden eigentlich! Man will ja „weniger“ und „leichter“ und überhaupt. Wird einem ja auch versprochen. Ablasshandel 2017. Kauf Dieses – und du wirst das! Konsumiere Jenes – und dir wird es an nichts mehr mangeln, nie wieder – bis zum nächsten Update, eh klar! Also das mit dem „Mehr“ hat man ja schon verstanden, ansatzweise zumindest. Trotzdem bleibt so diese leise, zittrige Angst vor dem „gar nix mehr haben dürfen“. Die ist ja auch begründet, weil ohne irgendwas wird`s ja auch nicht wirklich angenehmer. Wer mal Hunger hatte, so richtigen, der weiss dass das nicht so lustig ist. Wer mal Kälte am eigenen Leib erfahren hat, der weiss ein schönes Feuer wohl zu schätzen! Und auch Kleidung! Und ein Dach überm Kopf! Also gut, gar nix ist auch nicht so ganz das wahre, in der Androhung des Weihnachtsfestes schon gar nicht. Sich also nackt und hungernd unter die nächste freistehende Fichte zu hocken, ist weder Wunsch noch Lösung! Und sich auf dem Labortisch psychologisch zu sezieren, führt auch nur dazu, dass man am Ende einen Scherbenhaufen vor sich hat, den man nie und nimmer zu kleben imstande sein wird…

Schon fühlt man sich wieder als Blödmensch, der eigentlich nichts weiss und darum gänzlich ohne Chancen ist. Vielleicht stimmt es dann doch, das andere, das „Böse“? All das was von aussen angeblich (ob wahr oder nicht sei mal dahingestellt) auf uns übel wirkend eindröhnt? Aber dann muss das „Gute“ ja auch wahr sein, zumindest irgendwie virtuell existent! Und schon befindet man sich mitten drin in der Schlacht der Finsternis gegen das Licht, in der weihrauchschwangere Kampfengel auf Rentiereinhornmixschlitten, angeführt von Nahkampfweihnachtsmännern in roten Neoprenanzügen mit Killernietenbesatz, gegen die verschwörungstheorie-gesteurten Chemtrailhorden, reptiloide Trump-Klone und ex-katholische nun esoterisch vereinnahmte Grünfilzdämonen zu Felde ziehen. Da steht man mitten drin, in diesem bildreich tobenden Krieg und soll sich, verwirrt wie man nunmal ist, von all dem ehrlich beindruckenden Getöse, für eine Seite, wenn möglich die Richtige, entscheiden. Entscheiden muss man sich tunlichst (sagen „Sie“), weil man sonst ja gnadenlos aufgerieben wird! Es droht einem angeblich viel Ungemach zwischen den Fronten aus zugespitzen Wunderkerzen, mit Aluminium versetzen Deodorantgranaten, hochgiftigem Hallelujalametta (schwieriges Wort), Grün-Rot gestreifeten Würgekrawatten, abwaschbaren Gewürzzombies und den neuesten, schillernden Trends aus Elektronik und (B)Unterhaltung, die einen verzweifelten Abwehrkampf gegen brennende Holzeisenbahnen und massenhaft mit Elfenstaub bestreute Strohsterne, sowie drei Armeen von traditionell gandenlos, aber dafür segensreich hochexplosiven Christbaumspitzen führen!

Da hilft nur eins: Durchatmen. „Und nun mein Herz schlag stille, und alle Angst wird weichen“ sagt der Dichter. Sanft wird der Atem dann. Besonnen wird man in einer scheints besinnungslosen Zeit. Man steht vor dem Feuer der Schwitzhütte, ist Teil, ist Selbst. Die Kraft wird spürbar, erfahrbar – es ist nicht nur die des Feuers, es ist die eigene Stärke die sich auszubreiten sucht. Das glücklich schlagende Herz wärmt den Gedanken. Man spürt dass es gut ist das JETZT. Man weiss dass das HIER richtig ist und Freude kommt auf, weil man Mutter Erde nicht nur begegnen sondern in sie eintauchen darf. Die Steine glühen, pulsen Leben, sprechen, flüstern. Man tritt in dieses Nichts ein das eigentlich Alles ist. Man spürt den Grund, den Boden, wie sie einen trägt, die gute Erde, die eigentliche Mutter aus der wir stammen. Sie umarmt wortlos, wertungsfrei, liebend. Man kommt HEIM. Die Trommel führt. Sie lenkt einem den Blick nach innen. Die Ahnen sind nahe. Alles wird zum Jetzt. Das Ego tritt zurück und lässt das Selbst endlich und wahr nach vorne kommen. Alles wird weit, der Raum gerät zur Unendlichkeit und der Mensch schält endlich all das Dumme und Dröge von sich. Der Atem führt nach innen. Es tönt. Es ist. Dann neu in die Welt treten! Benommen noch von all der Weite, doch stark und klar und ohne Zweifel, mit gestärktem Herz und reduziert zum Kern eigener Existenz, ganz ohne oberflächlichen Verzicht. Auch Seeleverwandtschaft wird dort sichtbar. Freundschaft. Gute Nähe. Und doch: Man bleibt das individuelle Selbst.

So können wir heil werden. Es ist ein Weg der gangbar ist, ganz ohne sich abwenden zu müssen von dem was sich da Alltag nennt. Nicht Verdrängung ist der Schlüssel – es ist die Hingabe die neu entdeckt sein will! Es ist ein grosses „sich erinnern“. Da mag die Welt schon laut sein. Sie mag auch böse oder gut sein. Sie mag schon ein wenig an den Nerven ziehen und darf sich an uns reiben. Aber es spielt uns keine Rolle mehr, da wir der Mitte näher sind, Schritt um Schritt das Selbst erfahrend. So einfach. So schlicht. So ganz Wunder. So reduziert aufs Wesentliche!

 

bis bald, am Feuer, in der Ruhe

herzlichst

Georg

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One Comment

  • Arno

    Georg, jedes Wort da oben, traf meine Mitte!!! Sozusagen „Herzenspropaganda“, ha, ein schön ekliges Wort. Ich freue mich auf die nächste Schwitzhütte.

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