Blattsalat

Blattsalat

Jetzt ist er wohl da der Herbst, ganz ohne Zweifel. Ich sitze vor meinem PC mit Blick auf den sich ganz langsam entlaubenden Garten, den rauschenden Wald. Es geht ein Blättersturm da draussen ums Haus. Die Bäume wiegen sich im der Richtung noch nicht ganz schlüssigen Wind. Der greift nach ihnen, fasst sie, windet sich in ihren Ästen. Er bringt die Äpfel, reif und rot zum tanzen und endlich zwingt er den einen oder anderen ins müde Gras. Alles scheint in Aufregung da draussen -so wie in einem selbst manchmal. Es scheint, als hätte das grosse Tosen und Sterben eingesetzt. Der Sommer ist vorbei, definitives Naturgesetzt und das Auge wie Ohr verwirrende Naturgewalt. Der Sturm rauscht. Wie im Leben auch, da aber oft blöde und ohne den Sinn des Neubeginns, und ganz ohne Ahnung von der winterlichen Ruhe die in absehbarer Zeit in allem sein wird. Natürlich dauert das noch hin – dennoch es kommt und es kommt überall. Auch die Medien tönen und rauschen ja uns noch lauter und heftiger ins Hirn und mancher, rauscht und stürmt unreflektiert zurück. Es scheint mir, als ob die grössten Arschgeigen auch immer die lauteste Musik machen nach der dann fast jeder tanzt. Man verzeihe mir die eigene Lautstärke grad, denn denn auch im Blätterwald der Medien herrscht lärmender Sturm, der sich manchmal bis ins Haus verirrt und dem man dann zu widerstehen hat. Der mediale Sturmangriff ist immer destruktiv. Er weiss nichts von der wahren Welt. Er kennt sie nicht. Er lügt.

Es mag an der Jahreszeit liegen, dass es so manchem gerade jetzt (endlich) auch die letzten welken Blätter der Vorstellung vom Egobaum weht. Da ist man bald nackt und das ist gut so. Man erkennt dass ausser dem Universum selbst, nichts ewig und von planbarer Dauer ist. Man erkennt, dass alles in Veränderung ist und das immer. Das ist auch die einzige Konstante: Veränderung. Menschen kommen und gehen. Sie sind einem nahe, sickern durch einen hindurch wie man selbst eben auch durch sie hindurch sickert. Ein Moment der Innigkeit, dann sich lösen, sich entfernen um einander irgendwann wieder zu begegnen – dann neu und anders und stärker oder klarer. Auch Freundschaften sind Bäume welche die Blätter verlieren und neue bekommen werden, Jahr für Jahr. Mag sein dass auch so mancher Baum fällt und vergeht. Dennoch hat er Früchte getragen. Die Samen sind neu gesetzt und diese werden aufgehen. Langsam und unscheinbar und vielleicht an anderem, nie vermuteten Ort. Dennoch ewig. Auch das ein tröstendes Wunder, eine Ahnung von Schöpferkraft.

Auch so manche Lebensblödheiten fallen vom eigenen Geäst. Manche still und leise, andere knisternd und klirrend wie nach dem ersten Frost, der sicherlich bald kommen wird. Mag sein dass der Baum der man ist, dann kahl sein wird und ohne hübsches Blattwerk. Dennoch bleibt der Baum was er ist, gewachsen in diesem Jahr, gestärkt, besser verwurzelt und gut. Da tut das fehlende Blatt nichts zur Sache. Ihm nachzuweinen wäre ohne Sinn. Das Abgefallene als Dünger zu sehen nützt da schon mehr. Vor allem ist es die Erkenntnis der ewigen Wiederkehr, die einem das nacktwerden erleichtert. Manchmal reisst der Sturm auch einen Ast vom Baum, morsch und krumm, nutzlos und zuvor nicht sichtbar in all dem Grün. Auch das ist gut. Schmerzhaft vielleicht, aber nur natürlich. Der Ast ist ab. Einer weniger um sich dran aufzuhängen, einer weniger auf dem sitzend man sich hätte prima selbst absägen können.

So steht man da, bald ganz oben ohne, bis auf die Borke nackt, knöcheltief im eigenen, welken Blattsalat eines doch üppigen und fruchtbaren Jahres. Das tut ja auch gut, wenn einem dies und jenes von den Ästen genommen wird! Es ist, wenn man es wagt, sogar befreiend. Man muss sich um das alles was da anhaftete nicht mehr bemühen! Man erkennt auch die eigenen, gesunden Äste wieder und sieht wie ähnlich sie den Wurzeln sind. Man begreift allmählich, weil nicht mehr so beeindruckt von all dem oft etwas präpotenten Grün an einem, dass das Oben und das Unten eins sind. Man erkennt, dass die Tiefe in der man wurzelt gleich der Höhe ist in die man strebt. Man entdeckt dass man ja auch das Unten, die starke Wurzel ist und dass eben sie es ist, die einem Stand und Ruhe und Kraft im Sturm des Lebens gab und gibt. Die alten Wege wissen wie man dieses „sich entblättern“ fördern kann, wie man es unterstützt, wie man sich im Wechsel zurecht findet. Dankbar für diese Wege und für das Wissen dass man mir gab blicke ich nach draussen. Ernte. Feuerholz für die Schwitzhütte. Wandlung. Alles ist gut.

Also nichts nachweinen! Keine Sentimentalitäten strapazieren! Kein weinerlicher Blick auf die abgefallenen Blätter, so schön sie auch gewesen sein mögen und so bunt sie jetzt im Tode vielleicht sind! Kein Vergleichen des nunmehr langsam absterbenden Blätterschmuckes! Lass fahren, lass sein, lass dir abgenommen sein die Last des Vergangenen! Lass die Freunde ziehen, sie sterben ja nicht, sie kommen wieder, anders oder neu und wenn nicht dann eben nicht. Es ist der Lauf der Natur, der Zauber des Überganges. Da wo sich Tod und Geburt zu Ewigem vermählen liegt alle Erkenntnis die es braucht um zu bestehen! Es ist der Kreis als Ganzes der begriffen sein will und nicht bloss die ihn begrenzede Linie die unsere Aufmerksamkeit fordert! Es ist sein Inhalt der uns lehrt dass alles ohne Ende ist  – Es ist ewiges, wandelndes Sein und du selbst, ganz Wunder, bist ein Teil davon! Und die Wärme die dann im aussen vielleicht fehlen mag, die strahle aus dir selbst! Du hast sie ja im Herz gesammelt jeden Tag, mit jedem Atemzug!

Lasst ihn uns also begrüssen den Herbst. Lasst uns freudig die Blätter von den Ästen wehen! Besehen wir uns das Verbrauchte nicht Blatt für Blatt sodern als Ganzes und das lächelnd! Schütteln wir das Alte tapfer ab! Senken wir dankbar den Blick und betrachten wir uns selbst – unser starkes Wurzelwerk! Dann heben wir den Blick zum Himmel, jetzt frei und ohne Blattwerk und so erkennen wir das Ewige in uns! Es wird ein guter Herbst! So wird es auch ein guter, ruhiger Winter und so wird es auch ein wunderbares Erwachen sein, im Frühjahr, dann wenn wieder erste Triebe aus uns spriessen!

 

Ich freue mich auf das Tun mit Euch!

Auf dass die letzten Blätter im ewigen Rund der Schwitzhütte fallen mögen und wir unbeschwert und rein in neue Zeiten treten!

herzlichst

 

Georg

 

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One Comment

  • Gerhild

    Ein schöner Vergleich – vielleicht ist es genau das, dass den Wunsch erzeugt endlich wieder die nächste Schwitzhuette zu erleben, das Gefühl das da wieder etwas ist, das gehen darf, gehen muss. Ich glaube die Sehnsucht danach ist Teil der Sehnsucht wieder heil zu werden, am Weg zum Selbst.

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