Am Ende ist es der Anfang

Am Ende ist es der Anfang

So steht man da am frischen Grab. Emotional. Alles ist ganz anders als vorgestellt oder erwartet, befürchtet vielleicht auch. Trauer. Wie das alles fassen? Wie verstehen, dass ein Mensch, der eigene Vater nicht mehr ist? Fern war er einem. Wie wenn eine Wand dazwischen gestanden hätte all die Jahre – nein all die Jahrzehnte. Eine Wand aus Meinung, aus Projektion, aus Vorwurf, aus Urteil und Wertung, unbewusst von beiden errichtet. Plötzlich aber ist sie fort diese Wand. Nichts mehr zwischen ihm und mir. Da ist eine Grundschwingung, eine Akkord der jetzt wieder hörbar ist. Liebe auch, die sich nie so recht in Wort oder Tat  hat ausdrücken können. Beide Seiten hatten ihre Hemmnisse. Auch ich war streckenweise taub und blind.

Ich kenne das schon, wenn jemand geht. Irgend jemand eben, nicht verwandt sondern bestenfalls bekannt. Wenn es dann aber dich selbst betrifft, wenn der Mensch der da nun nicht mehr ist, mit dir das selbe Blut teilt, wenn er der Stamm ist aus dem du selber gewachsen bist, dann ist es verdammt anders. Da tut sich auch eine ungeahnte Tiefe auf. Eine Tiefe die man schon im Leben, jetzt da man klarer ist im Geist so gerne gehabt hätte. Doch die Zeit kennt kein Zurück. Sie schreitet einem eilig voran und man ist immer etwas hinterher. Dennoch wird das Jetzt zu einer Brücke, auf der man sich neu und frei begegnen kann, auf einer anderen Ebene. So vieles löst sich von einem ab. So vieles wird Wunder. „Es endet nicht – nein es beginnt gerade“ ist die Erkenntnis!

Träume. Tief und eindrücklich. Der Vater mit einem mal nahe wie nie, aber ganz frei von allem was das „wir“, das „du“ behindert hat. Etwas lebt in mir auf, neu und doch bekannt. Es ist das Gefühl für „Sohn“ sein. Das schwere Herz wird leicht. Das macht nachdenklich und mit den Gedanken kommen die Bilder. Wenige erst, dann aber mehr und mehr. Episoden tauchen auf, die wie verschüttet waren unter dem gewöhlichen, alltäglichen Gedankenmüll den man zum Thema im Laufe der Jahre produziert und über all das häuft was wesentlich wäre. Das tut wohl dass es so kommt, bei jedem. Es ist gut zu wissen dass da ein natürlicher, ja heilsamer Prozess der Trauer und der Aufarbeitung wirkt, den man nur zuzulassen braucht. Kein „müssen“ ist da gefordert sondern ein „zulassen können“ von dem was eben ist. Natürlich taucht auch das „Verabsäumte auf“ das „was wäre gewesen wenn“. Unveränderlich bleibt die Vergangenheit, ungerührt von all der Bemühung es so gerne anders gemacht, gesagt, gesehen zu haben! Man scheitert darin jämmerlich. Da lässt sich nichts mehr umschreiben. Aber in diesem  Scheitern taucht plötzlich ein Gefühl auf – Liebe ist ein Faktum! Sie ist eine Konstante! Sie ist ein Naturgesetz wie die Schwerkraft eben auch! Sie ist es die alles heilt, die aus Distanz Nähe macht! Sie ist es die den Sohn dem Vater und dem Vater den Sohn nahe bringt, uns beide verbindet über den Tod hinaus.

Ich stöbere in den zurückgelassenen Papieren. Ich finde Fotos und Notizen, erkenne seine Handschrift und Gedankengänge die darin konserviert sind – erkenne Ihn. Dem Archäologen gleich, arbeite ich mich durch die Schichten. Von eben erst, bis weit in die Vergangenheit und doch ist alles, weil es im Moment empfunden, gesehen und begriffen wird im Jetzt. Auch das tut wohl. Auch das ist heilsam, auch wenn es viel Kraft braucht. Banales wie sehr Intimes taucht da vor einem auf und der Vater nimmt noch einmal Gestalt an – in all seinen Nöten und Freuden, all seinen Plänen, Hoffnungen und Träumen, in allem Erreichten und Vergebenen, in jedem Sieg und jedem Scheitern. Ich erkenne dass er getan hat was ihm möglich war, so wie ich auch. Da ist viel Gutes. Auch das Geschenk meiner eigenen Existenz! So bin ich meines Vaters Sohn – so bin ich, wenngleich ganz eigene Persönlichkeit, auch er. Es ist die Haut aus der man glaubt nicht zu können – Ach hätte ich sie mir schon früher vom Leib geschält – aber ich konnte nicht, so wie er auch. Das einzusehen hilft. Jeder tut was er vermag – auch eine Erkenntnis.

Leicht ist es wahrlich nicht. Man versucht sein Bestes und regelt was eben zu regeln ist. Man spricht mit anderen die im nahe waren und, manchmal tränenreich, ergibt sich ein Bild, ein Ganzes. Der einem zuvor so fremde Vater wird nahe, wird klarer und greifbarer. Ich weiss dass es dauern wird. Ich weiss, dass alles seinen Sinn und seinen natürlichen Ablauf hat. Man geht aufeinander zu, im Leben wie im Tod, Schritt für Schritt. Auch das endet nicht.

Nun weiss ich mehr. Ich weiss mehr über ihn. Ich weiss mehr über mich. Und ich weiss dass ich meinen Vater im Tode nicht verloren, sondern ihn gefunden habe – und dafür bin ich unendlich dankbar.

Warum ich das schreibe? Nun, weil mir das Schreiben Natur ist und es mir hilft, weil es auch Aufarbeitung ist und mir das beinahe Unfassbare greifbarer macht. Ich schreibe das, weil es dem einen oder anderen, der liest und versteht, vielleicht ein wenig Hilfe sein mag, denn irgendwann betrifft es jeden. Ich schreibe es, weil ich diese Erfahrung für wertvoll und wichtig halte – so wertvoll und wichtig dass ich sie mit Euch teilen will.

Nichts endet, alles beginnt

herzlichst

Georg

 

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Georg

3 Comments

  • Daniela

    Lieber Georg, du hast mit diesen Zeilen deinem Vater ein ehrendes und liebendes Andenken gesetzt. Es ist wunderschön zu lesen. Vielleicht sogar das Beste das du je geschrieben hast. Es hat mich berührt und ich spüre eine Botschaft die ich gerne annehme. Ich wünsche dir und der ganzen Familie Kraft und Zuversicht für diese Tage. Mit liebevollen Grüßen, Daniela

  • Gerda

    Lieber Georg fast das gleiche durfte
    ich im April mit meiner Mutter erleben. Erlösung im irdischen und doch wieder gefunden. Denk an dich.liebe gruesse aus Bayern Gerda und Walter

  • Sylvia

    Lieber Georg,
    herzlichen Dank für Dein Mit -teilen. Wunderschön und liebevoll.
    Ich bin und Du bist im Wir sind.
    Danke.
    Alles Liebe Sylvia

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